kath.ch hat uns vor wenigen Wochen auf Eliza Hittmans zweiten Spielfilm «Beach rats» (»Strandratten», 2017 in Locarno für den Hauptpreis nominiert) aufmerksam gemacht. Es ist schon einmal beachtlich, dass eine junge Regisseurin mit dem nach wie vor heiklen Thema, wie ein junger Mann vor seiner Familie und seinen Kumpels zu seiner Homosexualität stehen kann, wie dabei Akzeptanz und Zustimmung gewonnen werden können, so sensibel und äusserst achtsam umgeht. Von François Ozon und Gus van Sant (»My private Idaho») wären wir diesen Tonfall schon gewohnt, aber sie verfügten ja über genügend Lebenserfahrung. Miss Hittman überrascht mich, unter anderem auch, weil sie weder eine billige Love-Story noch ein tränenreiches Happy-End liefert, sondern brutal ehrlich berichtet, dass es auch noch 2018 eine rechte Portion Glück braucht, damit ein so harter Start ins Erwachsenenleben gelingt. Dies alles übrigens in einer ästhetisch sehr ansprechenden Weise ohne unnötige Showeffekte; das Symbol des allwöchentlichen Feuerwerks auf Coney Island, das so gar nichts mit innerem Feuer, sprich mit erfülltem Leben und erfüllter Liebe zu tun hat, steht am Ende des Films, ein Ende mit lauter offenen Fragen. Wir bleiben traurig und betroffen zurück.
So gesehen ist «Beach rats» die konsequente Antwort auf die Teenie-Komödie «Love, Simon», in der dieses Thema durch eine eigenartig rosarot verklärt Bille erzählt wird, und wo alle, Familie und beste Freunde/innen, unglaublich tolerant sind. Wer glaubt, dies sei der Normalfall, hat sich in der brutalen Jetzt-Welt verirrt, er besuche doch einmal eine durchschnittliche Schweizer Oberstufen-Klasse! Seit Jahren habe ich auch auf die einsamen und ungeklärt gebliebenen Suizide von jungen Männern in der Deutschschweizer Oberschicht-Agglomeration aufmerksam gemacht.
Frankie heisst bei Hittman der Protagonist und Direktbetroffene. Er ist ein Sprachloser mit eher schlechtem Start ins Erwachsenenleben (was übrigens in übertriebenem Kontrast zu seinem Edelkörper steht): weisse soziale Unterschicht, der abwesende Vater, in dem Fall ein an Krebs Sterbender, kein Job, Drogenkonsum jeder Art, Mitgliedschaft in einer kleinkriminellen Clique, kurzum gähnende Perspektivelosigkeit. Nur dass er schwul ist und schwule Sexualität leben will, ist ihm mehr als klar. Doch als Sprachloser verrennt er sich in jeder Hinsicht, beklaut die Familie, macht einem Mädchen Illusionen, verweigert sich der Mutter, die sein Leiden irgendwie spürt, lässt sich auf trostlos-schmuddelige ältere Sexualpartner ein. Das Kartenhaus bricht zusammen, wie er den ersten gleichaltrigen Partner seinen Kumpels nicht als solchen, sondern als günstiges Opfer zum Ausrauben präsentiert. Ob Frankie eine Chance hat, Suizid begeht, voll in die Drogen abstürzt; Miss Hittman (die auch das Drehbuch geschrieben hat) lässt alles offen. Sehenswert!
Was auch zu lernen ist: Ob das Coming-Out eines Jugendlichen einigermassen gelingen kann, hängt heute sehr stark vom Bildungsgrad der Familie und des Betroffenen, vom gesamten sozialen Umfeld (Freundeskreis, Schule, Arbeitsplatz) und natürlich von der soziokulturell-religiösen Welt, in der dies alles geschieht, ab. Da gibt es wohl Idealbedingungen (weisser oberer Mittelstand in California, Zürcher Goldküste – da kann ich nur hoffen) und ganz schlechte Voraussetzungen.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/warum-es-noch-heute-so-schwierig-ist/