Die Aufdeckung der Missbrauchsskandale der letzten Jahrzehnte hat einem lange gepflegten Bild den letzten Todesstoss versetzt, dem Bild des persönlich heiligen Priesters. Auch wenn bis heute bei aufwändigen Primizfeiern immer noch undeutlich vermischt wird, wo das Dienstamt und wo die Person gefeiert wird (inklusiv der heiligen Priestermütter!) wird heute der Priester vom Volk Gottes eher realistisch wahrgenommen, wenn nicht sogar in eigener Weise ob seines Lebens mit Verdacht beobachtet. Mit Petrus (Apg 10, 26) sollte der Priester festhalten: Auch ich bin nur ein Mensch.
Dennoch ist dieser Mensch aufgrund seines kirchlichen Amtes, nicht nur aufgrund persönlicher Heiligkeit, herausgefordert, nach bestimmten Lebenshaltungen zu streben: So braucht es zum Hirtendienst «die Tugenden […], die in der menschlichen Gesellschaft zu Recht geschätzt werden, wie z. B. Herzensgüte, Aufrichtigkeit, Charakterfestigkeit und Beständigkeit, beharrliche Sorge um die Gerechtigkeit, Höflichkeit und andere, die der Apostel Paulus empfiehlt, wenn er sagt: «Was auch immer wahr ist, was auch immer sittsam, was auch immer gerecht, was auch immer heilig, was auch immer liebenswert, was auch immer zu einem guten Ruf gehörig, wenn es eine Tugend, wenn es ein Lob für die Lebensführung gibt, seid darauf bedacht.» (Phil 4,8),» (PO 3)
In diese Richtung muss auch heute noch die Formung der Priester spezifiziert werden. Solche Formung geht darum gerade nicht in der Abgeschlossenheit einer Sonderwelt sondern in der stetigen Begegnung mit den Menschen, denen sie sich verbunden wissen. Ob dies die Priesterseminare heute leisten können, bezweifle ich.
Andererseits tröstet, dass es ja keine eigene asketische Leistung sein soll, heilig zu leben, sondern dass dies in der ganz normalen auch professionellen Haltung der Arbeit gelingt.
«Die Heiligkeit werden die Presbyter in der ihnen eigenen Weise dadurch erlangen, dass sie ihre Ämter aufrichtig und unermüdlich im Geist Christi ausüben.» (PO 13,1)
Es bleibt also beides: Die geschenkte Gnade Gottes und die Last und Mühe eines verantworteten Lebens.
(Richard Hartmann)
Konzilsblogteam
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