Was uns trotz allem eint

Erneut ein innenpolitscher Kommentar, Aber die Woche bietet die Gelegenheit mit der Doppelwahl von heute Mittwoch und dem Bundesratsbeschluss vom Freitag zum Rahmenabkommen förmlich an. Lassen Sie mich aber literaturgeschichtlich beginnen und die Auslegordnung einmal so vornehmen:

In seinem «Schweizerspiegel» zeigt Meinrad Inglin die Schweiz während des ersten Weltkriegs als eine zerrissene Gesellschaft, zerrissen zwischen Deutschschweizern und Romands, zerrissen zwischen Grossbürgertum, Bauern und Arbeiterschaft. An einer einzigen Familie mit ihren regionalen Verästelungen macht er dies deutlich und lässt so abseits von den damaligen Protagonisten wie General Wille und Robert Grimm die Haltungen Fleisch und Blut werden. Der Generalstreik, die Abspaltung der BGB (eines Flügels der heutigen SVP) und die Frage der Emanzipation der Frau werden so nicht theoretisch, sondern in concreto aufgearbeitet. Doch das Hauptthema ist die Zerrissenheit des Landes, nach Meinung des jungen Lehrers und Offiziers (im zweiten Weltkrieg) Inglin die grösstmögliche Bedrohung für unsere «Willensnation».

Arthur (Turi) Honegger blickt Jahrzehnte später auf die Zeit des zweiten Weltkriegs, die ihm persönlich mit einem ständigen Wechsel zwischen Heimen und Anstalten Kindheit und Jugend vermieste, in seinen «Fertigmachern» ganz anders und versöhnlich auf die geistige Grundhaltung einer nun zu über 90% einigen und solidarischen Schweizer Gesellschaft. Die Gefahr des Totalitarismus wurde in allen Schichten erkannt, die Landesausstellung wurde zum Fest-gewordenen Symbol dieser Einstellung. Bei Honegger sympathisieren nur noch komisch-gefährliche Aussenseiter mit Nazi-Deutschland. Des Lehrers und Offiziers Inglin Bemühungen hatten also Früchte gebracht. Eigenartigerweise tritt ein solcher Lehrer mit Namen Sollberger bei Honegger sogar auf, und er ist auch der, der die Fähigkeiten des geschundenen Protagonisten erkennt.

Nun zur Geographie: Unser Land liegt im Herzen des Kontinents, konnte und kann nie in splendid isolation (wie etwa Neuseeland, die Glücklichen!) sein  Zusammenleben gestalten. Vom Westfälischen Frieden über die Kriegszüge Napoleon bis zur heutigen EU zieht sich eine lange Linie mit dem immer gleichen Thema: Wie viel Anpassung ist aus rationalen Gründen erforderlich, wie viel maximale nationale Souveränität ist möglich, und wie erreichen wir dies? Das zentralistische Monster EU, das süffisant-verächtliche Verhalten des Süffels an der Spitze der Kommission, die demokratieverachtenen Kommentare vom grossen Bruder im Norden (dabei sind doch zumindest die Nicht-Preussen nur neidisch auf uns!), sie alle mahnen, dass eine zerrissene und gespaltene Gesellschaft dieser Herausforderung nicht gewachsen sein wird.

Herr Blocher hat vorletzten Montag in «Schawinski» erstmals eingeräumt, dass es ja sein könnte, dass es die SVP (er meinte nicht die, sondern diese SVP, also die lärmig-proletende, mit der wir nun seit 25 Jahren leben müssen und die unsere Politkultur vergiftet) nicht mehr brauchen werde, wenn eine klare Mehrheit in der Politik gegen die EU und ihre Zumutungen Widerstand leistet. Herr Rechsteiners Votum in der Ständeratsdebatte zur Kohäsions-Milliarde vom letzten Mittwoch lässt hoffen, dass wir auf solchem Wege sind. Also (das lehren die alten Schriftsteller): Rauft Euch zusammen, leistet gemeinsam Widerstand, kämpft zusammen für maximale direkte Demokratie. Und lasst darum die Finger von dreierlei: Profilierungsversuche auf dem Buckel von (religiösen) Minderheiten, billige Kompromisse um blosser wirtschaftlicher Vorteile willen, das Verächtlich-Machen des Bürgerwillens (der Kanton Tessin hat die Hornkuh-Initiative angenommen). Und, liebe Politikerinnen und Neu-Bundesrätinnen: Lasst Euch nie mehr von Brüsseler Bürokraten abküssen!

 

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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