Giacomo Lercaro war 1947 zum Erzbischof von Ravenna-Cervia ernannt worden. Schon kurz nach seiner Einarbeitung wurde 1948 das Gebiet von Ravenna von einer Überschwemmungskatastrophe durch den Po heimgesucht. Drei Jugendliche, die damals zu Vollwaisen wurden und keine Unterkunft fanden, nahm Erzbischof Giacomo Lercaro kurz entschlossen in seinem Bischofshaus auf; neun Jugendliche kamen später noch hinzu. Aus dem vorübergehend gedachten Aufenthalt wurde nichts, denn sie fühlten sich wohl und entschlossen sich, zu bleiben. 1952 zogen die Jugendlichen mit Lercaro in seinen Palazzo nach Bologna. Aus einer provisorischen Notgemeinschaft begann sich eine feste Institution zu entwickeln, die bis heute besteht (Opera Madonna della Fiducia). Doch welche Form sollte die Gemeinschaft bekommen, die (anfänglich) aus jungen, in der Berufsausbildung sich befindenden Menschen, der Schwester und der Mutter von Lercaro bestand? Die Form eines Internats entsprach nicht seinen Erziehungszielen, vielmehr sollten «familiäre Beziehungen» das Zusammenleben regeln, d.h. ein Klima gegenseitigen Vertrauens und der Zuneigung war massgebend. Für das gute Zusammenleben war allerdings nicht nur die sanfte Klugheit Lercaros bedeutsam, sondern auch das gemeinsame religiöse Leben, das im Altar die geistige Mitte hatte. Hier war der Lernort des Miteinanderteilens, gegenseitiger Solidarität und materieller Anspruchslosigkeit. Später schrieb Kardinal Lercaro: «Deshalb wollte ich, dass der gemeinsame Tisch, an dem ich mit meinen Adoptivsöhnen das Brot der Vorsehung esse, im oberen Stockwerk über dem Tisch der Eucharistie aufgestellt werde.» Eine sozial und religiös geformte kirchliche Sozialform wollte Lercaro verwirklichen: eine Gemeinschaft gelebter Diakonia und Koinonia. Theologisch verstand er solche Zukunftsgestalt von Kirche als «Kirche der Armen».
(Giancarlo Collet)
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