Wieder mal was Persönliches, mehr als zwei Monate nach dem Wechsel vom Berufsleben in St.Gallen in den Teilruhestand hier im Tessin vielleicht sogar für manche Lesende von Interesse. Das alles ist natürlich rein subjektiv und nicht der absoluten Wahrheit im Kantischen Sinne verpflichtet…
a) Ich erlebe diese Art von Ruhestand nicht als Schock oder gar als Elend. Via meine Tätigkeit bei der SKZ bin ich intellektuell-theologisch noch voll «angebunden», darf spannende Texte mitlesen und bei der Gestaltung der zukünftigen Nummern mitdenken. Das könnte ich zurzeit nicht missen, und ich bin dankbar für die Berufung. Die Lektüre der NZZ jeden Tag ist mir eine grosse Freude, endlich darf ich ihr so viel Zeit zuwenden, wie sie verdient, und das sind zwischen 60 und 90 Minuten pro Ausgabe. Intellektuell kommen dann noch das Schach-und Saxophon-Spiel dazu, zudem das tägliche Vorlesen (bis jetzt waren es Henning Mankells «Vor dem Frost» und «Mord im Herbst» sowie Conrad Ferdinand Meyers «Jenatsch», nun ist Gotthelfs «Ueli der Pächter» dran), da sind Poirots graue Zellen ausgelastet.
b) Dazu kommen nun aber neu und sensationell der emotionalen Ausgeglichenheit dienend die Arbeiten in Garten, Feld, Wald und (logischerweise sich daraus ergebend) Küche, und das sowohl im Hauptanwesen in Malvaglia wie auf der Mietalp oberhalb Corzoneso. Das Kochen auf einem Holzherd etwa war für mich völlig neu, nun gelingen mir nicht nur Spiegeleier mit Speck, sondern auch Pasta, Bratkartoffeln, Risotto und Co. Nur den Backofen habe ich ausser zum Tellerwärmen noch vorgelassen, aber irgendwann wage ich mich an den ersten Auflauf. Im Wald haben wir als blutige Anfänger schon über zehn kleine bis mittelkleine Tannen gefällt, um zum Brennholz zu kommen. Das ist tricky bis etwas gefährlich, denn die Dinger fallen nicht immer dorthin, wo man(n) es will! Die Folgen all dieser Aktivitäten sind umfassend, so sind 5 Kilo Gewicht und damit der Bauchansatz weg, und ich platze vor ästhetischem Stolz.
c) Die Distanz zur Institution Kirche und zur seelsorglichen, vor allem liturgischen Tätigkeit ist bereits sehr gross geworden. Das hat sicher einmal damit zu tun, dass das Bistum Lugano und die Priester im Tal (neu nun vier Polen, und sonst nichts…) keinen Bedarf nach Mitarbeit sehen, zum andern aber komme ich endlich zum Reflektieren, wie es um Mutter Kirche und ihre «heiligen» Söhne da vorne am Altar steht. So las ich eben in der NZZ von einem aktuellen Fall in Norditalien. Noch im Jahr 2011 verging sich ein Vikar an einem 15-Jährigen (wie hier schon früher dargelegt, geht es hier nicht um Pädophilie, sondern um unreife Übergrifflichkeit auf schutzbedürftige Pubertierende), und was geschah? Der Pfarrer schwieg, der Bischof versetzte (inzwischen ist dieser Bischof Erzbischof in Mailand), und man wollte zur Tagesordnung übergehen. Nur das Opfer konnte nicht, beging Suizid-Versuche, verlor die Freundin, wagte sich nicht mehr in die Schule, wohl weil vom Opfer zum Täter gemacht. Ich frage mich immer mehr, ob unsere Kirche dieses Problem in Griff bekommt. Meine Frage an alle: Ist/war unser defensives Schweigen nicht Mitschuld? Ich weiss nicht, wohin mich diese Gedanken noch führen.
Damit grüsst aus dem zu warmen und zu trockenen Süden
der Verfasser
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant