Ich habe mich hier in den vergangenen Monaten schon gründlich exponiert mit meinen Texten zur Frage um den Staat Israel, der sein 70-Jahr-Jubiläm feiern konnte (»Gerechtigkeit, auch für Kleine», 02.05.; «Nochmals, aber kurz», 14.05.). Ich stelle fest, dass kaum ein Thema, das ich in den vergangenen Jahren aufgegriffen habe, so sehr interessiert und polarisiert wie dieses. Ich stelle auch fest, dass zunehmend sich moralisch gebende Stimmen erheben, die Israel und damit dem Judentum (anstelle Grossbritanniens) die Verantwortung für das Palästina-Problem zuschieben.
Nun hat eine in dieser Frage sehr unterschiedlich denkende und argumentierende Zeitschrift (die ich als Korrektur meiner liberalen Weltsicht durchaus schätze), die von Leonhard Ragaz gegründeten und nun im 113. Jahr stehenden «Neue Wege», das Thema ebenfalls aufgenommen und unter dem Titel «Israel/Palästina und der Schatten Gottes» die Oktober-Nummer gestaltet. Dazu wurden ganz unterschiedliche Persönlichkeiten aus Israel und Palästina um Beiträge zum Thema gebeten, welche Rolle die Religion im verfahrenen Nahost-Konflikt spielt. Ich empfehle die Ausgabe und die Beiträge, von denen einige meiner Grundthese ärgerlich konträr entgegenstehen, zur Lektüre. Nur muss ich festhalten, dass die Gesamtlektüre mich trotzdem bestätigt hat in der These, dass es für einen christlichen Theologen keine Alternative gibt, als zuzugestehen, dass der Staat Israel ein ethisches Recht auf Existenz und Verteidigung dieser Existenz hat.
Alarmiert hat mich hingegen der Artikel, der die Reden von US-Freikirchenpredigern und Vertretern der Trump-Administration anlässlich der Feierlichkeiten zur Verlegung der US-Botschaft in Israels Hauptstadt Jerusalem unter die Lupe nimmt. Er stammt vom in Bethlehem wirkenden lutherischen Theologen Mitri Raheb und trägt den Titel «Das palästinensische Volk, die Bibel und das Imperium». Raheb unterscheidet beim US-Sukkurs für den Staat Israel zwischen der «Hardware», also der finanziell-militärisch-technologischen Unterstützung, und der für ihn viel gefährlicheren «Software», die ideologisch-biblisch-kultureller Natur ist. Er spricht in dem Zusammenhang von einer neuen Phase des christlichen Zionismus, die sich von ihren Vorgängerinnen radikal unterscheidet. Es steht mir nicht an, diese Aussage wissenschaftlich korrekt zu bewerten, aber ich verstehe seine Sorge: Anscheinend haben wir es mit einer neuen Vereinnahmung von Judentum und Altem Testament durch ein unaufgeklärt-fundamentalistisches christliches Denken zu tun, das ich gerne auch als «christlichen Neo-Imperialismus» bezeichnen möchte. Raheb argumentiert recht seriös, und ich nehme ihm Einiges von seinen Gedankengängen ab. Denn Folgendes ist zu bedenken:
– Eine antisemitische biblische Theologie gab es natürlich unter etlichen (vor allem evangelischen) Theologen im Dritten Reich. Ihr Gedankengang war das «Früher – jetzt aber», das Alte bzw. Erste Testament, seine Bücher und seine Grundbotschaft wurden als blosse Negativfolie gesehen, von der sich das absolut Neue des Christentums abhob. Wie sehr sich diese Herren vor einen Karren spannen liessen, der auch dem Neuen Testament und dem Christentum den Garaus machen wollte, war ihnen wohl nicht bewusst!
– Wenn evangelikale Prediger nun die krude Auffassung vertreten, dass ein Staat Israel, seine ungeteilte Hauptstadt Jerusalem und das Wiederaufrichten des David-Tempels an Stelle des Felsendoms blosse technische Vorbedingungen für die Wiederkunft Christi sind, dann ist solches Denken nicht viel besser als das in den Dreissiger Jahren.
– Und wenn US-Politiker wie Vizepräsident Pence sich erfrechen, die leidvolle jüdische Geschichte der Vertreibungen, des neuen Exodus und der Diaspora mit der Geschichte der ersten Siedler in der Neuen Welt analog zu setzen, wird nicht nur der Holocaust verhöhnt, sondern es wird der Jäger zum Hasen gemacht. So wie Israel aus seinem Land vertrieben wurde, so wie es ausgerottet werden sollte, so gingen ja die Einwanderer mit der indianischen Urbevölkerung um.
[Ihr merkt/Sie merken, dass ich bewusst etwas provoziere. Aber es muss sein, in dieser Frage politisch «unkorrekt» zu denken und zu schreiben. Es gibt, dafür sind sogar die «Neuen Wege» Beleg, in dieser Frage keine absolute Wahrheit. Wer dies behauptet, ist schon Antisemit. Das musste nun mal gesagt werden.]
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant