And the cattle is moving on

Grosse Freude machte mir letzte Woche das NZZ-Folio des Monats Oktober (Nr.327) mit dem Titel «Verreist doch! Wie die Reiselust zur Landplage wurde: Über die Masslosigkeit des Massentourismus». Da war die Rede davon, dass der Ausdruck «Overtourism» auf bestem Weg ist, Wort des Jahres zu werden. Da wurde von der Massentierhaltung des homo non semper sapiens berichtet, wie dies etwa in San Gimignano (»Auch ich war da!», S.58-61) oder auf einem Monsterkreuzfahrtschiff (»Reisen unter der Billigflagge», S.52-57) hübsch anzusehen ist. Da wurde auf die aufkommenden Proteste wie in Mallorca oder in Barcelona verwiesen, wo die Massen nicht mehr von allen gern gesehen sind.  Der italienische Journalist Maco d’Eramo kommt zu Wort (S.24-31) und wird wie folgt zusammengefasst: «Der Tourismus ist die Schwerindustrie des 21.Jahrhunderts … Soll er nicht zerstören, was wir lieben, muss er richtig gemanagt werden».

Ich habe mich hier gerade vor einiger Zeit (»Trilogie zum Abschied III») über meine analogen Beobachtungen auf einer für mich zutiefst verunglückten Irland-Gruppenreise ausgelassen und will dies nicht noch einmal wiederholen. Aber der Beobachtungen und Beispiele sind ja viele und sie sind an ganz anderen Ecken unseres Planeten anzutreffen:

Etwa die Kündigung des Pachtverhältnisses für das Bergrestaurant «Aescher» im Alpstein durch ein noch junges Ehepaar, weil es dort – nach einem Artikel samt Foto in einem US-Heft (»National geographic») – von zudringlichen und anspruchsvollen Horden überrannt wurde. Bis vor 5-10 Jahren war übrigens der «Aescher» eine wunderschöne Adresse für einen Spätnachmittagspaziergang samt Käseröschti. Doch dann wurde es eng, laut und ungemütlich.

Etwa das Verzasca-Tal im Tessin, dass von analogen Horden italienischer Tagestouristen und ihren Hunderten von PWs derart heimgesucht wird, dass aus Kathrin Rüeggs Idylle ein Inferno geworden ist. Auch diese Gegend gilt es neuerdings zu meiden.

Etwa – nicht nur in Sam Gimignano – die Art, wie in vielen schönen italienischen Städten und Städtchen Reisebusse en masse herankarren, Herden von unselbständigen Touris (japanischer oder indischer Art, wenn sie nicht sehr dick sind; Amis und Russen, wenn sie überaus dick sind) ausstossen, die Selfie-bewaffnet hinter ihrem Kuhtreiber hertrotten, sich von Parkplatz zu Parkplatz via wichtige Stätten (etwas zum Anschauen, etwas zum Essen, etwas zur Entleerung) schleppen lassen, alle das Gleiche tuend, das Gleiche glotzend, das Gleiche konsumierend, nicht denkend, nicht selber aktiv und so vom Menschen zu weniger als zur Herdenkuh, nämlich zu einer Art drosophila touristica mutierend.

(Ähnliches übrigens – zufällige Auswahl – aus Island, von den Malediven oder vom Titlis berichtet…)

Ich verstehe den Unwillen und die Wut der Einheimischen, die von solchem Ungeziefer heimgesucht werden. Aber der schnöde Mammon hindert sie dann doch, die Ballermann-Meilen zu schliessen oder die unweltverpestenden Kreuzfahrtmonster draussen zu lassen.

Was tun, liebe Leute? Empfehlung des NZZ-Folio: Die Orte – etwa auf der Isle of Man – besuchen, die vor hundert Jahren überrannt wurden, jetzt aber aus klimatischen Gründen unbeliebt geworden sind. Originell, aber ökologisch anfechtbar. Empfehlung des Verfassers (eben erprobt): Auf die einsame eigene Alp ohne Elektrikanschluss, ohne TV und Doofgerät. Führt zwar zu Kratzern und Wunden an den Gebeinen, aber macht zufrieden.

 

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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