In sauberer Argumentation zeigt Jan-Heiner Tück (Professor für Dogmatik in Wien und Schriftleiter von «Communio») in der NZZ (Ausgabe vom 28.September, Feuilleton, S.41) unter dem süffisanten Titel «Der Papst korrigiert eine verfehlte Wahrheit» auf, wie Papst Franziskus auf die Herausforderungen der Moderne reagiert. Seine im August vorgenommene Modifizierung des Abschnitts zum Thema der Todesstrafe im Katechismus hat nicht nur ein erneutes Heulen im Wäldchen der Ultrakonservativen in unserer Kirche ausgelöst, sie lässt auch mich aufhorchen und hoffen. Denn die Argumentation, die der oberste Chef hier vorbringt, ist überraschend und enthält reines theologisches Dynamit. Kein Wunder, dass die Ultras Franziskus einen Häretiker schimpfen. Nun wie war das in der Kirchengeschichte? Sogenannte «Häretiker» konnten zweierlei Schicksal erleiden: entweder sie wurden verbrannt oder heilig gesprochen. Der Namenspatron des Papstes, dessen Fest wir am nächsten Freitag feiern, gehörte gottseidank zur zweiten Sorte…
Nun zur Argumentation, die so unterschiedlich aufgenommen wird: Sie hat mit den von Franziskus benutzten Termini «lange Zeit» und «heute hingegen» zu tun. Und Tück, der (auch in der NZZ zu lesen) erst kürzlich Benedikt XVI. mit seinem Schreiben zum Thema Judentum-Christentum in Schutz nahm (vgl. auch in diesem Blog: «Das heikle Thema» vom 11.07.), scheint in seiner Exegese dazu ein unbestechlicher Zeuge.
Ich lasse mich hier gar nicht auf die Akzidenzien der Argumentation, die sich spezifisch auf das Thema der Todesstrafe beziehen, ein. Dies wäre ja ein eigenes Thema, das sich zur Abhandlung eignen würde. Nein, ich beschränke mich auf die Substanz der Argumentation von Franziskus. Sie hat folgende Struktur;
a) lange Zeit ist ein Thema/eine Idee/ein grundsätzlicher Inhalt von der Kirche als sicher/begründbar/plausibel angenommen worden
b) heute hingegen gibt es ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass dieses Thema/diese Idee/dieser grundsätzliche Inhalt neu bewertet werden muss
Wir verstehen sofort die aufgeregte Reaktion der Ultras. Das ist das wirklich Neue und Unerhörte, dass der Papst als oberster Hüter der Wahrheiten dem «heute hingegen» einen Stellenwert gibt, der eine Neubeurteilung nötig, vielleicht sogar unumgänglich macht.
Und dann kommt das Dritte hinzu. Franziskus schreibt, dass eine solche Neubewertung bzw. Korrektur im Sinne des «heute hingegen»
c) im Licht des Evangeliums erfolgen müsse
Ja nun verstehen wir noch besser. Denn viele der Häretiker und verbrannten Ketzer und eben die Glücklichen, die Heiligen, die nicht verbrannt wurden, haben Ihre Neubeurteilungen bzw. Korrekturen genau «im Licht des Evangeliums» vorgenommen. Und: Wenn vom obersten Hüter des Lehramtes so in einer wichtigen ethischen Fragestellung argumentiert wird, dann ist das Tor weit offen für ähnliche Argumentationen in ähnlichen Fragestellungen.
Gestatten Sie mir einen solchen analogen Schluss:
«Lange Zeit haben Theologie und kirchliches Lehramt gelebte gleichgeschlechtliche Liebe aufgrund von Passagen in den fünf Büchern Mose als sündig und nicht Gottes Schöpfungswillen entsprechend abgelehnt, heute hingegen ist diese Frage auf Grundlage naturwissenschaftlicher-psychologischer Forschungsergebnisse im Lichte des Evangeliums neu zu beurteilen.»
Sic.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant