Anhaltende subtile Diskriminierung

Es ist ja viel Positives geschehen in der gesellschaftlichen Sicht und Stellung von gleichgeschlechtlich fühlenden Personen und Paaren.  Ich will das nicht klein oder schlecht reden: Die Abstimmungen zur Gleichstellung (wenn auch nicht Gleichbenennung – aber da sage ich eben: Who cares?) in kulturell-historisch ganz unterschiedlichen demokratischen Gesellschaften wie etwa bei uns oder dann in Irland, die Selbstverständlichkeit, dass nun auch sich offen outende Männer und Frauen (Guido Westerwelle, Klaus Wowereit, Martin Klöti, Corinne Mauch oder eben Leo Varadkar) in politische Führungsämter gelangen können, die juristischen Fortschritte, dass weniger Unterschiede vorgenommen werden in der  Beurteilung von Diskriminierung wegen Religion, Geschlecht, Hautfarbe und eben sexueller Orientierung. Das alles lässt hoffen. Und wenn wirklich in Polen ein homosexueller Kandidat bei der nächsten Präsidentschaftswahl Chancen hat, dann ist selbst dieses Land nicht verloren…

Aber Sorgen und Bedenken müssen bestehen bleiben. Einmal im Blick auf viele radikal-fundamentalistische Formen der Religion (wie etwa im Islam und in den evangelikalen Freikirchen), wo gerade diese Fragestellung eine quasi moralische Kampfposition darstellt, mit der man sich bewusst abzugrenzen und zu profilieren sucht. Dann im Blick auf Russland, wo eine grosse aber äusserst machistisch geprägte Gesellschaft bis heute nicht imstande ist, anständig mit einer Minderheit umzugehen, die ihr doch so grosse Söhne wie Pjotr Iljitsch und Rudolf Chametowitsch geschenkt hat. Auch im Blick darauf, wie sich die Männer-Sportwelt auch nach dem Outing von Thomas Hitzlsperger anders als im Frauensport noch so unendlich schwer tut. Und es genügt ein Blick in die Leserbriefspalten um festzustellen, wie dieses Thema bei einer bestimmten Sorte Macho-Mann immer noch mottet,

Darum war und ist es nicht hilfreich, wenn bei der Aufarbeitung der düsteren Vergangenheit, wie in der katholischen Kirche Pädophilie und sexuelle Übergriffe von Amtsträgern gehandhabt wurden, immer wieder (bewusst oder unbewusst, ich will das gar nicht beurteilen) die Begrifflichkeiten und Zuordnungen vermischt werden. Gerade dies ist auch ein Anhaltspunkt, dass die Diskriminierung noch nicht beendet ist. Im Blick auf die Publikationen und Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit der letzten Jahrzehnte (etwa von Udo Rauchfleisch, Wunibald Müller und der Berliner Charité) fasse ich unwissenschaftlich schnell zusammen:

1. Der Anteil von Pädophilen ist im katholischen Klerus nicht relevant höher als in allen Berufsgruppen, bei denen die Arbeit mit Kindern einen hohen Anteil aus macht.
2. Die meisten pädophilen Übergriffe erfolgen durch heterosexuelle Familienväter.
3. Der Anteil von gleichgeschlechtlich fühlenden Menschen ist im katholischen Klerus deutlich höher als im gesellschaftlichen Durchschnitt.
4. Es besteht kein spezifischer Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie.
5. Aber einer zu Übergriffen auf Jugendliche nach der Pubertät als Folge einer unreif-emotionalen Fehlentwicklung im Leben des Pflichtzölibats.
6. Pädophile Veranlagung ist wissenschaftlich nicht «heilbar», mit ihr muss ein Betroffener ein Leben lang – therapeutisch begleitet – umgehen lernen.
7. Die emotionale Fehlentwicklung von homosexuellen Klerikern aber ist – so Wunibald Müller – leicht zu beheben. Sie müssen nur anerkennen, wer und was sie sind.
8. Das alles wissen die Kirchenverantwortlichen seit vielen Jahren.

 

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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