Film-Empfehlung; und: «Apartheid»-Vorwurf an Israel

Annemarie Jacir: Wajib/Die Hochzeitseinladung. Palästinensischer Film 2017. 96 Minuten. Arabisch, mit deutschen Untertiteln. Fr. 23.– trigon-film Ennetbaden. 056 430 12 30. info@trigon-film.org

Nazareth, die Heimatstadt Jesu, gehört zwar zum Stadt Israel, wird aber vor allem von arabischen Muslimen und Christen bewohnt. Diese Araber gelten bekanntlich als «Bürger zweiter Klasse». Im Film «Wajib/Die Hochzeitseinladung» der bekannten Palästinenserin Annemarie Jacir steht eine christliche Familie im Mittelpunkt. Es gilt gemäss einem alten Brauch, Einladungen zu einer Hochzeit den Gästen persönlich zu überbringen. Der Vater der Braut und ihr Bruder übernehmen die Aufgabe. Sie fahren gemeinsam durch die Stadt, streiten sich und leben eine Vater-Sohn-Beziehung aus.

Selbstverständlich wird die politische Situation nicht ausgeblendet, auch wenn es vordergründig um private Alltagsgeschichte und familiäre Konflikte geht. Pikantes Detail: Im Zusammenhang mit dem Israel-Palästina-Konflikt wird im Film, der 2017 gedreht wurde, als erstes davon gesprochen, dass es in den Bussen keine arabischen Informationen mehr gibt. Im Sommer 2018 hat das israelische Parlament Arabisch als Amtssprache gestrichen …

Der einzige Israeli, von dem persönlich die Rede ist, ist ein Beamter, der das Schulwesen kontrolliert. Der Vater, ein Lehrer, will ihn einladen, weil er hofft, von ihm zum Rektor ernannt zu werden. Es kommt zu einem heftigen Streit mit dem Sohn, der diesem Mann vorwirft, ihn ins Exil getrieben zu haben. Ausserdem verbiete er, dass in der Schule die palästinensische Geschichte gelehrt werde …

Der Film «Wajib» gibt Einblicke in den Alltag von Palästinensern im «Heiligen Land». Gleichzeit lässt er ahnen, wie Araber in einem jüdischen Staat leben müssen – und leben können.


«Ich schäme mich heute, Israeli zu sein» (D. Barenboim)

Selbst prominente Juden distanzieren sich vehement vom neuen «Nationalitätengesetz» Israels. Sie werfen ihm «Apartheid» vor, ein Vorwurf, der bislang als «antisemitistisch» galt. Zu den berühmtesten Kritikern des Gesetzes gehört der Dirigent Daniel Barenboim. Die ZEIT veröffentlichte von ihm diesen Gastbeitrag:

2004 habe ich in der Knesset eine Rede vor dem israelischen Parlament gehalten. Ich sprach damals über die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel. Ich nannte sie «eine Quelle der Inspiration um an Ideale zu glauben, welche uns von Juden zu Israelis machte».

Weiters sagte ich dass dieses wichtige Dokument eine Verpflichtung ausdrückt: «der Israelische Staat wird sich dafür einsetzen, dass die Entwicklung dieses Landes allen seinen Menschen zugutekommt; er wird auf den Prinzipien der Freiheit, Gerechtigkeit und des Friedens aufgebaut werden, geführt von den Visionen der Propheten Israels, er wird allen seinen Staatsbürgern volle Gleichheit der sozialen und politischen Rechte  garantieren, unabhängig von ihrer Religion, Rasse oder Geschlecht; er wird freie Religionsausübung, Gewissensfreiheit, Freiheit bei der Wahl der Sprache, Bildung und Kultur garantieren.»

Die Gründerväter des israelischen Staates, welche die Deklaration unterschrieben, betrachteten die Prinzipien der Gleichheit als das Grundgestein der Gesellschaft, welche sie schaffen wollten. Sie verpflichteten sich selbst und uns auch dafür, «Frieden und gute Beziehungen mit allen Nachbarstaaten und –menschen zu erreichen».

70 Jahre danach hat die israelische Regierung ein neues Gesetz verabschiedet, welches die Prinzipien der Gleichheit und universellen Werte durch Nationalismus und Rassismus ersetzt.

Es erfüllt mich mit großer Sorge, dass ich heute die gleiche Frage stellen muss, die ich vor 14 Jahren in der Knesset stellte: Können wir den unerträglichen Abgrund zwischen dem, was die Unabhängigkeitserklärung versprach und dem, was ausgeführt wurde ignorieren, der Abgrund zwischen der Idee und der Realität Israels?

Passen Besetzung und Vorherrschaft über ein anderes Volk zur Unabhängigkeitserklärung? Besteht irgendein Sinn in der Unabhängigkeit des Einen auf Kosten der Grundrechte des Anderen?

Können die jüdischen Menschen, deren Geschichte eine Abfolge von Leiden und Verfolgung ist, sich selbst erlauben, dem Leiden eines Nachbarvolkes gleichgültig gegenüberzustehen?

Kann sich der israelische Staat den unrealistischen Traum erlauben, dass der Konflikt ein ideologisches Ende finden werde, anstatt eine pragmatische, humanitäre auf sozialer Gerechtigkeit basierende Lösung zu verfolgen?

Nach 14 Jahren glaube ich noch immer, dass trotz aller objektiver und subjektiver Schwierigkeiten, die Zukunft Israels und seine Position in der Familie der erleuchteten Nationen von unserer Fähigkeit abhängt, die Versprechen, welche die Gründerväter in der Unabhängigkeitserklärung verankerten, zu verwirklichen.

Eine klare Form von Apartheid

In Wirklichkeit hat sich seit 2004 noch nichts verändert. Ganz im Gegenteil, wir haben jetzt ein Gesetz, welches die arabische Bevölkerung zu Zweite-Klasse-Staatsbürgern erklärt. Das ist daher eine klare Form von Apartheid.

Ich glaube nicht, dass das jüdische Volk 20 Jahrhunderte überlebte, meist verfolgt und unbeschreiblichen Grausamkeiten ausgesetzt, damit es jetzt zum Unterdrücker wird, das an Anderen Grausamkeiten ausübt. Aber genau das macht das neue Gesetz.

Deshalb schäme ich mich heute, ein Israeli zu sein.»

 

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.blogs-kath.ch/apartheid-vorwurf-an-israel/