«In jener Zeit geschah es, dass …». So oder ähnlich beginnen viele Evangelien-Abschnitte, die im Gottesdienst vorgelesen werden. Ein solcher Anfang stammt in dieser Form nicht aus der Bibel, sondern von jenen, welche die Auswahl der Stellen getroffen haben.
Ich lasse die Formel gewöhnlich weg. Denn das Evangelium möchte uns nicht bloss Geschichten aus längst vergangenen Tagen erzählen; eben aus «jener Zeit», die schon fast 2000 Jahre hinter uns liegt. Die Worte Jesu und die Geschichten über sein Wirken richten sich auch an uns, die wir im Hier und Heute leben.
Schauen wir das Evangelium unter diesem Gesichtspunkt an und betrachten wir miteinander zwei Aussagen:
Beginnen wir damit, dass Jesus den Jüngern «Macht gibt, böse Geister auszutreiben». Am Schluss des Evangeliums erfahren wir, dass es funktioniert hat. «Sie, die Jünger, trieben viele Dämonen aus», heisst es dort lapidar.
So weit so gut, könnten wir sagen. Nein, so einfach ist es nicht. Denn wir haben heute ein anderes Verständnis von Dämonen. Für die Zeitgenossen Jesu waren sie verantwortlich für viele, ja vielleicht für die meisten Krankheiten. Wir wissen es besser: Die Krankheiten werden nicht ausgelöst durch dämonische Kräfte, sondern etwa durch Viren, Bakterien oder auch durch Stress; durch Faktoren der Umwelt und der Vererbung. Ob es daneben in Einzelfällen Besessenheit durch teuflische Kräfte gibt, darüber wollen wir jetzt nicht spekulieren.
Nochmals: Wir glauben nicht mehr so rasch, dass Dämonen am Werk sind. Trotzdem wäre es zu einfach zu sagen, wir sollten uns vom Glauben an böse Geister verabschieden. Nur wenn wir blind wären für das, was tagtäglich in der Welt geschieht, könnten wir das Böse übersehen. Auch wenn die «bösen Geister» nicht mehr in Gestalt von gehörnten Wesen erscheinen, sind sie am Werk. Es sind die Dämonen von
Wir erleben es fast jeden Tag, dass aus Habgier Menschen auf die Strasse gestellt/entlassen werden, damit die Aktien steigen; damit jene, die schon viel haben noch mehr haben.
Oder denken wir an den bösen Geist, den Dämonen der Gewalt. Man meint, man könne damit jedes Problem lösen. Nur ein Beispiel: Im Irak meinte man, man könne einen Diktator mit Waffengewalt entfernen. Der Diktator verschwand zwar. Doch seine Anhänger taten sich im Gefängnis zusammen und gründeten den so genannten Islamischen Staat, eine terroristische Mörderbande.
Ähnliches könnte man von Syrien sagen: Auf allen Seiten vertraute und vertraut man darauf, dass Gewalt und Terror alle Probleme löst. Dass das Gegenteil der Fall ist, erfahren wir aus den Radio-Nachrichten fast Stunde für Stunde.
Zurück zum Evangelium: Wenn wir dieses ernst nehmen, vertrauen wir darauf, dass Jesus auch uns Vollmacht über böse Geister verleiht. Auch wir können durch das Vertrauen auf die Botschaft Jesu von der Gewaltlosigkeit etwas zu einer friedlicheren Welt beitragen: durch Förderung der Gerechtigkeit, etwa durch die Unterstützung von Hilfswerken und dem Kauf fair gehandelter Waren Geister der Ungerechtigkeit schwächen. Und ebenso durch unsere Entscheide an der Wahl- und Abstimmungsurne!
Lassen wir das Thema «Dämonen» und wenden wir uns noch ganz kurz der zweiten Aussage Jesu aus dem heutigen Evangelium zu: dem Auftrag Kranke zu heilen. Er richtet sich nicht nur an Ärzte und anderes medizinisches Personal. Ich behaupte: Wir alle können heilend wirken, auch wenn wir keine Wunderheilungen vollbringen.
Denn wir können durch ein gutes Wort, durch eine Tat der Hilfsbereitschaft andere aufrichten, sie -wie man umgangssprachlich sagt –aufstellen.
Darum lade ich sie ein: Seien wir aufstellende Menschen; Menschen, die einander Mut zusprechen und Hoffnung schenken. Wenn wir es versuchen, spüren wir bald: Dadurch wird auch unser Leben aufgestellter, bunter und froher.
Zurzach, So 10.30 Uhr
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant