Der Schreibende hat in alttestamentlicher Theologie abgeschlossen und erlaubt es sich nun, selber an diesem Gedankenball zu bleiben, den die grossen Geister da aufgegriffen haben. Anders als Ratzinger hat er allerdings nicht Thomas und Augustinus, sondern Kant und Wittgenstein als akademische Lehrer gehabt, und anders als ein Jesuit fühlt er sich mit Blick auf diese Lehrer nicht verpflichtet, immer brav in der innerkatholischen Doktrin zu verbleiben.
«An Christus führt kein Weg vorbei» (Titel des Rutishauser-Artikels in der NZZ vom 07.07.) bzw. «Wesentliche Elemente des alttestamentlichen Israel sind über Christus endgültig ersetzt worden» (Zusammenfassung einer Grundaussage von Benedikt XVI.): Das sind nun klassische innerchristliche Argumente, die in christlicher Theologie und in christlichem Dialog seit Anfangszeiten absolute und sichere Wahrheit darstellen, die aber ausserhalb diesem Dialog, also im interreligiösen, keinen solchen Anspruch erheben können.
Aus jüdischer Sicht kann man sich den Rabbi aus Nazareth als grossen neuen Propheten, ja sogar als Erfüller der Prophezeiungen dieser Tradition denken. Aus jüdischer Sicht kommt in ihm die schon in der Thora vorhandene Tradition der Kult- und Gesetzeskritik zu einer radikalen Form der Vollendung. Dies aber alles, ohne ihn schon als mehr als prophetisch Gesandten, sicher aber nicht als «Gottessohn» zu verstehen. Es ist aus jüdischer Sicht wohl auch möglich, ihn als messianische Gestalt zu sehen, die aber gerade in ihrer radikalprophetischen Art jede staatlich-politische Auferstehung des Davidsreiches nicht im Blick hatte.
Ob der Bund «nie gekündigt wurde» – insofern man den Rabbi und Propheten Jesus als zutiefst im Judentum verankert sieht, als einen, der nicht vor hatte, mit seiner Religion zu brechen und der vielmehr vom Kreis seiner Jünger/innen nach den katastrophalen Erfahrungen des Jahres 70 n.Chr. erst zu etwas «Neuem» gemacht wurde – oder ob der Bund wirklich «gekündigt wurde» – indem in der Argumentation Benedikts etwa der Tempelkult durch die Eucharistie, die Landverheissung durch die Verheissung einer Ewigkeit bei Gott ersetzt wurde – dies bleibt im interreligiösen Dialog offen und die Grundfrage somit unbeantwortbar.
Nur eines bleibt mir sichere Wahrheit und Aussage: Das Ereignis der Schoah war die Katastrophe der Menschheitsgeschichte und mahnt darum zu grösster Vorsicht in der Argumentation.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant