Bislang undenkbar

Die Inhalte, die in Ariccia für das Schema XIII verhandelt wurden, öffneten bestehende Diskurse auf eine Weise, die in der Kirche bis dahin undenkbar waren. Insbesondere im Ehe-Kapitel konnte man das besonders gut wahrnehmen.
Ehe lehramtlich primär über die Liebe der Partner anzusprechen, die sie konstituiert, war ganz neu.
Auch der Adnexum II hatte diese weit offene Sicht noch nicht. Aber Bischof Daerden konnte mit Hilfe einer Reihe belgischer Periti das so durchsetzen, dass es nicht mehr zu bestreiten war. Bis dahin waren alternative Darstellungsformen zur offiziell vertretenen undenkbar. Das geschah aber nun und es ist kein Zufall.
Haubtmann, der Autor des in Ariccia vorgelegten Textes, war vom Redaktionskomitee eigentlich beauftragt gewesen, die inhaltlichen Anmerkungen aus der Aula in einen Text einzuarbeiten, der allerdings schon zum Zeitpunkt der Vorlage in der Aula als überholt galt. Haubtmann hatte sich deshalb entschieden, einen völlig neuen Text aufgrund der Wortmeldungen der Konzilsväter zu erstellen, die sich ja auf einen Text bezogen, von dem alle Eingaben bereits voraussetzen, dass er völlig zu verändern war.
Haubtmanns Vorgehen war ein Risiko, weil es einerseits dazu einlud, neue, bisher nicht breit debattierte Perspektiven einzubringen, wie es dann auch Erzbischof Wojtyla mit den kirchlichen Aktivitäten des Heils in der Welt getan hatte. Andererseits war Haubtmanns Vorgehen die grosse Chance, der Gesamtperspektive zu entsprechen, über die bereits implizites Einverständnis bei der Konzilsmehrheit herrschte.
Charles Moeller umschreibt sie so: «eher als Christ zur Welt sprechen denn zu Christen über die Welt». Das entspricht dem Suenens-Programm vom Beginn des Konzils. Aber es war für die societas perfecta ein Sakrileg, weil es die Augenhöhe zwischen Kirche und Welt von heute unterstellt, die sich nun jedoch mit dem pastoralen Gehalt der Lehre durchzusetzen begann.
(Hans-Joachim Sander)

Konzilsblogteam

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