Graue Haare für Konzilshistoriker – Ariccia als Gruppenereignis

Das Schema XIII hatte bereits mehrere verdichtete Phasen erlebt, die danach wieder überschritten wurden. Das Treffen des Redaktionskomitees und der Unterkommissionen in Ariccia in den Albaner Bergen vom 30.1. bis 6.2.1965 sollte nun allgemein die definitive Arbeitsphase werden.
Waren ein Jahr zuvor in Zürich, als sich erstmals die Perspektive des Textes klärte, gerade einmal 17 Personen anwesend, waren es nun 87, neben den 30 Bischöfen der diversen Unterkommissionen und 35 Periti auch siebzehn Laien. Ausser Rahner fehlte auch Philipps, der zum belgischen Senat musste. Vor allem seine Nichtpräsenz wird sich als providentiell erweisen.
Man arbeitete in den Kommissionen, aber traf sich natürlich ständig in den Pausen. Alle Beteiligten haben das als ausgesprochen anregend beschrieben. Man befruchtete sich auf eine Art, die Konzilshistorikern graue Haare wachsen lässt. Denn all die Einflüsse können nicht im Detail nachgezeichnet werden. Die aus diesem Sozialkapital heraus entstandenen Texte bilden den Kern der beiden Hauptteile der heutigen Konstitution.
Aber es gibt ein entscheidendes Desiderat: Die Zeichen der Zeit bleiben aussen vor, weshalb die Arbeit der Unterkommission zu den Zeichen der Zeit gar nicht in diese Texte einging.
Es zeigt sich erneut ein weiterer Grundkonflikt über den Ansatz des Textes, der in jeder Hinsicht ungewohnt war: Sollte mehr theologisch, also von bestehenden Glaubenspositionen der Kirche her, oder mehr soziologisch, also von zu beobachtenden Entwicklungen der Menschheit her, formuliert werden?
In Ariccia setzte sich klar die theologische Option durch. Das wird aber im Lauf der Intersession wieder relativiert werden und kurz vor Beginn der vierten Sessio zu einem überaus spannenden Disput zwischen Karl Rahner und Marie-Dominique Chenu führen. Aber das lag noch in der Zukunft. In Ariccia wird nun vom Glauben her auf Augenhöhe mit der heutigen Welt argumentiert, so dass zugleich die alte dogmatische Weise verhindert wurde.
(Hans-Joachim Sander)

Konzilsblogteam

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