Da der Schreibende mit seiner Pensionierung aus allen elektronisch-neuzeitlichen Verbindungen ausserhalb dieses Blogs ausscheidet und nur noch via Postadresse und Festnetznummer zu erreichen ist, erscheinen die bisher versandten Kritiken unregelmässig an diesem Orte. Zu Beginn die Kritik, die als letzte auch elektronisch hinaus ging:
«La forza del destino» in Zürich
Alles Schlimme, was Sie schon immer über die Oper wissen wollten:
a) Sie ist endlos lang und voller sinnloser Handlungen.
b) Tödlich Getroffene/Erstochene/Gewürgte singen Arien oder in langen Ensembles und Finale mit.
c) Narzisstisch veranlagte Diven beiderlei Geschlechts stürmen an die Rampe und präsentieren dort ein oft zweifelhaftes Talent.
Wenn man vom Klischee, den das Genus Oper geniesst, ausgeht, dann ist Giuseppe Verdis 1862 aufgeführte «La forza del destino» ein Höhepunkt in der Reihe der Unmöglichkeiten und Lächerlichkeiten. Nebst Puccinis «Tosca» ist es die Oper, in der – je nach Lesart der Regie – keine Hauptrolle überlebt, nur mild klagende Mönche bleiben zum bösen Schluss zwischen den Leichen stehen. Die Handlung springt in ganz Südeuropa wild umher, die bewussten Mönche legen trotz stabilitas loci locker Tausende Kilometer zurück, um auch am anderen Orte mitsingen zu können. Am Schluss stehen aber alle im selben kleinen Klosterwäldchen voreinander, um sich abzumetzeln. Und eine Pistole, die beim Wegwerfen ganz zufällig den Vater der Diva tödlich trifft, löst im ersten Bild den ganzen Schlamassel aus. Es gibt keinen Sinn, die Handlung nachzuerzählen, sie ist böser Unfug! Wenn da nur nicht Verdis Musik wäre, die auch diesem Sorgenkind der Theatergeschichte üppigstes Leben einhaucht.
Auch die Zürcher Neuinszenierung des Hausherrn Andreas Homoki und des Chefdirigenten Fabio Luisi blieb nicht von den Katastrophen verschont, die der Oper nachgesagt werden. Zwei tragende Rollen mussten in der Endphase der Produktion umbesetzt werden, und die Bühnentechnik blieb schon bei der Premiere stecken. Nach David Pountneys Wiener und Martin Kusejs Münchner (diesmal halbwegs geglückter!) Inszenierung war es zudem schwierig, in kurzer Zeit nochmals eine Interpretation zu wagen. Homoki stellt die drei Hauptrollen Leonora (die Diva mit dem erschossenen Vater), Alvaro (der ins Kloster eintretende Lover) und Carlo (der über drei Stunden nach Rache lechzende Bruder der Diva) als Opfer einer fatalen Situation in tristem Grau-Weiss einer schillernden Revue-Höllengesellschaft in Rot-Schwarz im Einheitsbühnenbild, das sich ständig öffnet und schliesst (ein roter Faden all seiner Inszenierungen), gegenüber. Die drei Nebenrollen Trabuco, Preziosilla und Melitone sind Verwandte der Hexen Shakespeares und Fontanes und springen während der Ouvertüre aus dem Höllenschlund auf die Bühne. Sie verhindern zusammen mit dem Chor allfällige günstige Wendungen des bewussten Schicksals und sind bereit, bald wieder auf der Bühne des Lebens aufzutreten.
Diese Lesart Homokis macht Sinn und hält mit den Inszenierungen an den grossen Häusern mit, zumal ihm mit Maestro Luisi wieder ein Mann mit filigranem Zugriff auf die üppig-lange Partitur, die auch musikalisch zwischen Endzeitdrama à la Becket und Kabarett im Offenbach-Modus schwankt. Aber die Sänger-Qualität der Vergleichs-Aufführungen (in der Spielzeit 18/19 kommt nun Covent Garden mit Netrebko, Tézier und Kaufmann! – hinfliegen!!!) kann Zürich natürlich nicht bieten. Hier hat die Intendanz Homoki schon lange kapituliert und fairerweise auch die Preise gesenkt. Einzelne Kurzauftritte von Frau Bartoli (»Semele») und Herrn Terfel (»Sweeney Todd») sind nun die finanzielle Ausnahme. In Zürich sangen und singen so Leute der mittleren Preisklasse, zudem mussten gleich zwei Rollen in der Endphase der Produktion umbesetzt werden. J’Nai Bridges als Preziosilla und Jamez McCorkie als Trabuco machten ihre Sache recht, der junge Albaner Gezim Myshketa als Melitone liess aufhorchen. Christof Fischesser in der neuerdings üblichen Doppelrolle Marchese/Guardiano war wie gewohnt souverän. Einspringer Marcelo Puente in der Tenorrolle hielt in den Ensembles mit, war aber in seiner Bravour-Arie «La vita è inferno» eher überfordert. Überzeugend war dann mit tiefem Ansatz die abchasische Sopranistin Hibla Gerzmava als Leonora mit den drei grossen Arien, und überragt wurden alle vom rumänischen Bassbariton George Petean als Bruder Carlo. Offener Szenenapplaus zu Recht nur für ihn, ansonsten wie gesagt: ab nach London. Die Schwarzmarkt-Kartenpreise werden gleich horrend sein wie beim «Trovatore» in Wien.
Zürich hat nun für die nächsten Jahre (die Inszenierung wird jetzt noch gespielt und in den Festwochen 2019 wieder aufgenommen) seine «Forza». In ihrer grotesken Absonderlichkeit, mit fast Wagner’schen Längen und traumhafter Melodik wird sie überzeugen können. Und zumindest die Fragestellungen, ob denn alles im Leben Zufall ist, warum der Krebs genau den einen geliebten Menschen trifft und andere verschont etwa, ob über allem eine göttliche oder eine boshafte Macht waltet, und ob man der Religion mit ihren Verheissungen trauen darf, bleiben bestehen. Homoki macht es uns zum Schluss einfach: die drei Leichen umarmen sich und betreten die himmlischen Sphären (»salita a Dio»), Alvaro bleibt klagend allein auf der Rampe zurück. Oper eben!
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant