Die Auferstehung, nicht das Kreuz im Mittelpunkt

Wo leben wir als Auferstandene?

Was wäre geschehen, wenn Jesus nicht am Kreuz gestorben wäre? Diese Frage begegnete mir in den letzten Tagen mehrmals. Was wäre passiert, wenn Jesus nicht die damaligen Kapitalisten, die Händler im Tempel, provoziert hätte? Wenn er die – sagen wir mal – die damaligen Kardinäle, die Mächtigen der Religion, nicht wegen ihrer Heuchelei und Herzenshärte kritisiert hätte?

Ja, dann wäre Jesus vielleicht 80jährig friedlich im Bett gestorben. Aber, wären wir dann erlöst? Im Kreuz liegt ja unsere Erlösung, betont unsere Kirche. Übrigens: Die Ostkirchen, die Orthodoxen setzen die Akzente anders. Für sie geschieht die Erlösung schon in der Menschwerdung Gottes. Eine für uns seltsames: Wenn das  Fest der Ankündigung der Geburt Jesu,  der 25. März auf den Karfreitag fällt, wird die Feier des Karfreitags verschoben.

Bleiben wir bei der Lehre unserer Kirche, der so genannten Westkirche. Wir feiern den Tod und die Auferstehung Jesu als die zentralen Ereignisse unserer Erlösung. Und wir sind im Glauben überzeugt: Jesus als der Auferstandene ist mitten unter uns, ganz besonders we

nn wir in seinem Namen versammelt sind. Aber er ist unsichtbar.

Ich möchte noch etwas hinzufügen: Auch die bildliche Darstellung des Auferstandenen ist in unsern Kirchen – damit meine ich jetzt die Kirchengebäude – weitgehend unsichtbar. Sie ist schlicht und ergreifend kaum vorhanden.

Ich habe schon mehrmals meine Osterpredigt mit der Einladung verbunden: Schauen Sie sich um und zählen die Kreuze, die sie hier sehen. Es waren auch schon etwa zwei Dutzend in einer Kirche mit einer Kreuzwegdarstellung. Und dann lud ich dazu ein, Bilder des Auferstandenen zu suchen: Fehlanzeige! Es gab keine. Auch dies ist seltsam.  Für unseren Glauben ist das Kreuz sicher wichtig. Es ist aber nicht die Endstation.

Ein Freund von mir, der Theologe Renold Blank weist in seinem neuen Buch darauf hin. Es trägt den Titel «Befreiende Lebensperspektiven. Ein Glaubensbuch für das 21. Jahrhundert». Er lädt darin dazu auf, «die zentrale  Bedeutung der Auferstehung neu zu entdecken». Das Kreuz sei zwar das Wahrzeichen unseres Glaubens, man könnte auch sagen, das Logo, das Signet.  Und die Teilnahme am Leiden Christi sei ein wichtiges Motiv der christlichen Spiritualität.

Dies alles ist gut und recht. Aber wir dürfen nicht vergessen, «als Auferstandene zu leben». Paulus sagt ja, wir seien mit Jesus Christus auferstanden, schon jetzt, in diesem Leben.

Als Auferstandene leben heisst auch und ganz besonders: als Hoffende leben. Erlauben Sie mir, dass ich dazu drei Sätze aus dem kleinen, aber inhaltsreichen Buch von Renold Blank zitiere:

Die Auferstehung «garantiert, dass der Tod und all seine Negativität  auch im Ablauf der Geschichte nicht das letzte Wort behält. Denn in scheinbar auswegloser Situation übernimmt Gott  die Initiative. Er ist stärker als alle Ungerechtigkeit, die den Tod bewirkt.»

Wir alle wissen: Resignation/Hoffnungslosigkeit lähmt. Wie oft treffen wir diese lähmende Einstellung an, die sich äussert in Sätzen wie: «Da kann man nichts machen.» Und: «Kriege und auch Arme hat es immer gegeben.  Es wird sie immer geben. Da sind wir machtlos.»

Renold Blank, der während Jahrzehnten in Brasilien Theologieprofessor, war schreibt über die Gläubigen Lateinamerikas: Für viele ist «die Feier von Ostern beinahe nur noch ein religiöses Anhängsel des grossen und erschütternden Ereignisses, das wir am Karfreitag feiern».

Ich darf hinzufügen: Die lateinamerikanische Theologie der Befreiung hat wenigstens ansatzweise eine Korrektur gebracht. Zwar spielt dort das Leiden des unterdrückten Volkes eine grosse Rolle. Immer mehr kommt auch die österliche Hoffnung zum Tragen.

Es gibt dazu das wunderschöne Beispiel der «Auferstehungsbrücke». Vielleicht kennen Sie es schon. Aber es tut gut, sich wieder daran zu erinnern. Wir verdanken sie Bischof Hélder Câmara.

Auf einer brasilianischen Insel nahe beim Festland herrschte in einem Elendsviertel bittere Armut. Wie es in den Gemeinschaften üblich ist, die sich an der Befreiungs-Theologie ausrichten, fragte man sich in einer Kreuzweg-Feier: «Welches ist unser Kreuz, unter dem wir leiden?»

Immer wieder wurde der Händler genannt, der mit einem Schiff hinüberkam, um überteuerte Waren zu verkaufen. Oder auch der Fährmann, dem man für die Überfahrt viel zu viel Geld bezahlen musste.

Das also war das Kreuz der Armen, ihr Karfreitag. Was aber wäre die Überwindung dieses Elends, biblisch gesprochen die Auferstehung, Ostern?

Alle waren sich bald einig: Die Lösung wäre eine Brücke. Mit vereinten Kräften wurde sie gebaut. Wenn Hélder Câmara Gäste hatte, ging er oft mit ihnen dorthin und sagte: «Das ist unsere Auferstehungsbrücke.»

Das Beispiel zeigt: Der Glaube an die Auferstehung muss schon hier Früchte tragen. Er muss schon heute sichtbar sein.

Darum zum Schluss die Frage: Können auch wir eine Art Auferstehungsbrücken zeigen? Das heisst etwas, das wir in der Kraft unseres Glaubens an die Auferstehung Jesu getan haben?

Oder anders gefragt: Wo leben wir in unserem Alltag als Menschen, die mit Jesus auferstanden sind?

Elisabethenheim, Luzern:  Sa 16.30; Stans: Frauenkloster So 9.30 und Pflegeheim Nägeligasse 10.40.

Literaturhinweis: Das erwähnte Buch von Renold Blank habe ich am 16. März hier im Blog rezensiert:

https://www.kath.ch/blogsd/befreiender-glaube-fuer-das-21-jahrhundert_b_

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.blogs-kath.ch/die-auferstehung-nicht-das-kreuz-im-mittelpunkt/