«Bevor ich sterbe...» – Soziales Engagement mal anders

Heute und letzte Woche habe ich zwei Mal bei einer Kunstaktion mitgeholfen, die direkt in der sehr belebten Münchner Fussgängerzone stattfand: «Before I die» heisst sie und wurde von der Künstlerin Candy Chang (kannte ich vorher auch nicht, hier gibts mehr Infos über das Projekt) ins Leben gerufen, die das Thema Tod und Sterben in den öffentlichen Raum rücken wollte. Dabei werden Schiefertafeln aufgestellt, auf die die Vorbeigehenden schreiben können, was sie tun/sehen/erleben möchten, bevor sie sterben – weltweit sind es inzwischen über 2000.

In München haben einige Mitglieder der GCL/Gemeinschaft christlichen Lebens, einer ignatianischen Laienorganisation beschlossen, dieses Projekt durchzuführen – und es funktioniert! Die Tafeln werden begeistert beschrieben. Als HelferInnen ist es unsere Aufgabe, jede volle Tafel zu fotografieren und dann abzuwischen, damit sie neu beschriftet werden kann, auf diese Weise werden täglich etwa 60 Tafeln gefüllt.

Was schreiben die Menschen? Erstmal Witziges und Pseudo-Witziges: «nochmal richtig ausschlafen» möchte ein offenbar vielbeschäftigter Mensch vor seinem Tod. Millionen hätten einige gern. Fussballfans möchten ihren Verein als Meister sehen – was angesichts der Tabellenposition mancher Vereine dem Wunsch nach ewigem Leben nahekommt. Dann Politisches: «Kurdistan auf der Weltkarte sehen», oder «Trump eine reinhauen». Auch der Nahostkonflikt wird von beiden Seiten auf die Tafeln geschrieben, und stehengelassen – wir entfernen nur (vereinzelte) Tötungsaufrufe. Und sehr viel Persönliches: Viele junge Menschen schreiben von ihrem Wunsch, dass ihre Eltern glücklich und/oder zusammen sind – was sie offensichtlich nicht erleben. Etwas Ältere wünschen sich, dass ihre Kinder in ein gutes Leben finden. Manche möchten an bestimmte Orte reisen, andere einen Lebenstraum verwirklichen, viele wünschen sich einfach, zu leben, bevor sie sterben. Und viele möchten für andere da sein, Menschen helfen, die Welt zu einem besseren Ort machen. Auch ausdrücklich religiöse Wünsche gibt es einige.

Neben dem Tafelwischen ergeben sich manchmal Gespräche – zum Teil kontrovers, oft einfach schön. Hat Spass gemacht, diese Aktion. Und am Ende bin ich mir gar nicht so sicher, ob das jetzt Kunst oder soziales Engagement war, oder beides zusammen.

Karin Reinmüller

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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