Kranksein – Oder: Wenn wir nicht sterben könnten

Krankheit verändert unser Leben/Predigt zum Krankensonntag

Jemand meinte: «Ich habe noch nie einen weltoffenen, grosszügigen Menschen gesehen, der nicht einmal schwer krank war oder weit gereist ist.» Wir sehen also: Eine schlimme Krankheit oder eine Weltreise können positive Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung haben. Bleiben wir am heutigen Krankensonntag bei der Erkrankung.

Wer krank ist und nicht mehr arbeiten kann, merkt wohl bald: Ohne ihn geht die Welt nicht unter. Er sieht: «Es geht auch ohne mich. Ich bin nicht unersetzlich.» Und so wird man etwas bescheidener – und erlebt eine Befreiung von der Vorstellung, alles selber machen zu müssen. Und Sie wissen ja: Die Friedhöfe sind voller Menschen, die unersetzbar waren.

Über die Auswirkungen einer schweren Krankheit schreibt im neuesten Luzerner Pfarreiblatt Claudia Jaun, Seelsorgerin im Alters- und Pflegeheim Eichhof:

«… Die Zeit bekommt plötzlich eine tiefere Bedeutung. Das mögliche Lebensende kommt unvermittelt vor Augen. Im Angesicht der begrenzten Dauer wird die Zeit bedeutsam und kostbar. Betroffene stellen sich neue Fragen:  Was möchten sie noch erleben? Mit wem die Zeit teilen?  Was erledigen oder regeln? Was ist wichtig und was tritt in den Hintergrund.» So weit die Seelsorgerin Claudia Jaun.

Dazu nur zwei kurze Bemerkungen:

Ein Beispiel: Ein gesunder Mensch fragt sich vielleicht beim Zeitungslesen, ob er die Eröffnung des viel diskutierten unterirdischen Luzerner Bahnhofs noch erleben würde. Ein Kranker zweifelt, ob er bei der Eröffnung der Bauarbeiten noch am Leben sei. Alles, was in der Zukunft liegt, wird ungewiss.

Eine zweite Bemerkung: «Was möchte ich noch erleben?», ist eine der Fragen, die Claudia Jaun erwähnt hat. Dazu gibt es seit  ein paar Jahren den schönen Begriff der Löffelliste: Sie meint die etwas salopp formulierte Frage: «Was würde ich tun, wenn ich wüsste, dass ich sehr bald den Löffel abgeben muss? Zwei krebskranke Menschen haben sich diese Frage gestellt und viele dazu animiert, sich eine solche Löffelliste aufzustellen.

Ich denke: Auch Menschen, die durchaus gesund sind, sollten sich dies fragen. Es könnte durchaus zur grösseren Lebensqualität beitragen, indem es hilft, erfreuliche Dinge, die wir immer wieder verschoben haben, demnächst zu realisieren.

Darum lade ich Sie ein, zu fragen, wie könnte meine Löffelliste aussehen?

Darauf könnte etwa das Lesen eines Buches sein, das wir schon lange auf die Seite gelegt haben.

Oder ein längst fälliges Gespräch, um endlich Missverständnisse mit einem Mitmenschen auszuräumen.

Oder auch nur ein Besuch bei jemandem, dem ich es schon längst versprochen habe.   —

Als ernsthaft Kranke spüren wir, dass unsere Zeit auf dieser Erde beschränkt ist. So haben wir gehört. Viele haben Angst vor dem Sterben und sagen sich vielleicht: «Ein paar Jährchen möchte ich doch noch leben.» Das ist begreiflich.

Aber: Ich lade Sie ein, den Gedanken durchzuspielen, wie es aussähe, wenn wir nicht sterben könnten – wenn unser Leben immer so weiterginge. Sehr treffend hat dies 1978 Werner Herzog in seinem Vampir-Film «Nosferatu» dargestellt. Nosferatu, der nicht sterben kann, beklagt sich:

«Sterben müssen ist nicht schlimm. Aber nicht sterben können, das ist sehr schlimm: Jahre für Jahre, Jahrzehnte für Jahrzehnte, Jahrhunderte für Jahrhunderte immer die gleiche Mühsal!»

Dennoch: Gerade in unserer Gegenwart erforschen Heerscharen von ernsthaften Forschern Möglichkeiten, das Leben ganz wesentlich zu verlängern, auf viele 100 Jahre!

Im Magazin DER SPIEGEL war darüber kürzlich ein etwa 10-seitiger Artikel. Der Reporter fragt sich: «Was fühlt wohl ein 500 Jahre alter Mann, wenn er zum 30. Mal heiratet? Kann er sich noch freuen, wenn sein 100. Kind zur Welt kommt?»

Ja, dies wäre die Konsequenz des massiv verlängerten Lebens. Sie sind sich wohl mit mir einig: Keine sehr attraktive Perspektive!

Kommen wir zum Schluss. Kurt Koch hat schon mehrmals gesagt: «Früher hatten die Menschen die Aussicht: 60 oder 70 Jahre leben und dann die Ewigkeit. Heute aber 80, 90 oder 100 Jahre und dann nichts.»

Vor zwei, drei Tagen las ich im Katholischen Mediendienst eine Meldung mit dem Titel: Tod als «Vollendung der Existenz». Dort wird Kardinal Parolin zitiert, nach dem Papst der zweite Mann im Vatikan. Für uns Gläubige werde der Tod nicht als Ende empfunden, sondern «als Vollendung einer Existenz, die umsonst geschenkt und liebevoll geteilt wurde».

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.blogs-kath.ch/kranksein-oder-wenn-wir-nicht-sterben-koennten/