Janusköpfig

«Kompromisse» seien die Ergebnisse, so Lukas Vischer in seinem Rückblick auf die dritte Sitzungsperiode. «Die Intentionen derer, die Erneuerungen angestrebt hatten, haben sich nur zum Teil durchzusetzen vermocht. Die angenommenen und promulgierten Texte gehen zwar noch immer weit über das hinaus, was die kühnsten Voraussagen vor dem Konzil erhofft hatten. Diese Tatsache kann nicht genug unterstrichen werden. Sowohl ‹de ecclesia› als auch ‹de oecumenismo› eröffnen neue Perspektiven. Die Ergebnisse tragen aber ein doppeltes Gesicht, so wie auf antiken Münzen Janus, der Gott der Tordurchgänge, ein doppeltes Gesicht trägt. Sie öffnen einerseits die Türe, nicht nur zu einer tiefgreifenden Erneuerung, sondern auch zu einer tieferen Gemeinschaft mit den von Rom getrennten Kirchen. Sie setzen aber andererseits auch die spezifisch römisch-katholische Tradition fort, sie stellen eine Anpassung römisch-katholischer Positionen an die moderne Zeit dar, eine Transposition in die modernen Verhältnisse. Die Ergebnisse tragen darum zugleich zur Vertiefung der Gemeinschaft als zur Erneuerung der Gegensätze bei. Alles wird davon abhängen, wie die Texte in den kommenden Jahren interpretiert werden, welchem Gesichte des Janus die römisch-katholische Kirche den Vorzug geben wird oder ob sie beide behalten wird. Die Arbeit der Theologen wird in dieser Hinsicht entscheidend sein. Wichtiger ist aber noch, auf welche Weise die Leitung der Kirche die in der Diskussion erarbeiteten Texte das Leben der Kirche bestimmen lässt.»
(mq; Lukas Vischer: Nach der dritten Session des Zweiten Vatikanischen Konzils. In: Ökumenische Rundschau 14 [1965], 97-116, 98f.)

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