Das Konzilsgeschehen wurde auch hinsichtlich seiner politischen Auswirkungen von vielen Beobachtern wachsam mit verfolgt. Johannes XXIII. war es ein Herzensanliegen gewesen, mit einer Erklärung über die Beziehung der Kirche zu den Juden nach furchtbaren antisemitischen Verirrungen eine neue Phase der Verständigung zu eröffnen. Der Text «Über die Juden», der dann in der vierten Sitzungsperiode des Konzils in umfassende Ausführungen zu den «nichtchristlichen Religionen» eingebettet wurde, stiess nicht nur unter den Konzilsvätern, sondern auch in politischen Kreisen auf erbitterte Opposition.
Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang ein Schreiben des österreichischen Botschafters in Beirut vom 30. November 1964 an das Aussenamt in Wien, das auf die libanesische und jordanische Reaktion zur Erklärung des Konzils über die Juden eingeht. Es beginnt mit der Feststellung: «Die arabische Haltung zur Erklärung des Konzils über die Juden scheint mit der scharfen Erwiderung seitens des jordanischen Ministerpräsidenten, der im Anschluss an eine erregte Debatte in der dortigen Kammer ankündigte, Jordanien werde den Prälaten, die dieser Erklärung zugestimmt haben, den Zugang zu den Heiligen Stätten verwehren, in eine neue Phase getreten zu sein. Insbesondere die libanesische Stellungnahme verdient Aufmerksamkeit, denn sie ist auch als ein praktisches Beispiel dafür beachtenswert, dass die von libanesischer Seite stets betonte arabische Solidarität den Libanon keineswegs hindert seine eigenen Wege zu gehen, wenn im Namen dieser Solidarität die Zustimmung zu Massnahmen gefordert wird, die als unvereinbar mit libanesischen Interessen angesehen werden.»
Von libanesischer Seite wurde also die scharfe Opposition Jordaniens keineswegs mitgetragen, sondern deutlich relativiert. Im Laufe der Zeit sollten sich auch in der übrigen arabischen Welt die Wogen bald wieder glätten.
(Hanjo Sauer)
Konzilsblogteam
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