Bericht aus der Provinz

Mephisto in Randlingen
«Matto regiert» in St.Gallen

Es ist eine sehr spezielle Sache (im Italienischen gibt es dafür das wunderschöne Adjektiv «particolare»), aus einer Vorlage der Belletristik, einem Roman, einer Kurzgeschichte oder eben einem Krimi, ein Theaterstück zu schaffen. Dramaturgie und Regie haben fast völlig freie Hand, mit dem Text umzugehen, wie sie wollen, insbesondere zu kürzen, wegzulassen und zu konzentrieren. Das heisst, dass meist ein eigentlich neues Werk entsteht. Das ist natürlich Wonne für die Seele des/r Regisseurs/in der Neuzeit, der/die nichts mehr hasst, als sklavisch den Intentionen so unbedeutender alter Gestalten wie Shakespeare oder Kleist zu folgen… Armin Breidenbach, Dramaturg, und Christina Rast, Regie, haben sich in St.Gallen an den dritten Studer-Krimi (1936) von Friedrich Glauser (1896-1938) gemacht und dabei etwas durchaus Attraktiv-Neues geschaffen. Es sei aber betont: Etwas Neues.

Es ist eine noch speziellere Sache, sich dabei an ein Stück Schweizer Kulturgut, den grantigen Berner Wachtmeister Studer, zu wagen. Die Schwarzweiss-Mundart-Verfilmungen mit Heinrich Gretler in dieser Rolle, gerade die beängstigend-klaustrophobische von «Matto regiert» aus dem Jahr 1947 durch Leopold Lindtberg, mit Berühmtheiten wie Zarli Carigiet und Schaggi Streuli in Nebenrollen besetzt, haben Generationen geprägt. Man stelle sich vor, aus «Ueli der Knecht» würde ein Theaterstück gemacht. Wer wagte sich, das Vreneli zu spielen, wo doch alle an Liselotte Pulver denken? HansJürg Müller, seit der Saison 16/17 Ensemblemitglied in St.Gallen, wagt es, den Studer zu spielen. Und da er seinen Gretler im Kopf hat, hat er auch die Brissago im Mund und spricht ein wunderschönes Berner Hochdeutsch, immer am Rand zur Mundart kippend. Das ist wohl das Beste an dieser Inszenierung.

Matto ist der omnipräsente Hausgeist der Psychiatrischen Klinik in Randlingen, in der Kranke, Kriminelle und auch Unschuldige einsitzen. Friedrich Glauser, von seinem dominanten Vater schliesslich für unzurechnungsfähig erklärt worden, sympathisiert mit dem Insassen Caplaun, der ein ähnliches Schicksal zu tragen hat. Daneben aber geistern Personal und Insassen durch die Inszenierung von Frau Rast, immer im Schummerlicht von Parodie, Cabaret, Übertreibung und Textnähe oszillierend, getreu der «Gender-Ideologie» (so das Bistum Chur und die Neokonservativen) der neuesten Zeit häufig nicht so genau zuzuordnen, dass nicht nur dem Studer, sondern auch uns die Frage aufkommt, wer denn da irre und wer da noch «normal» sei. Die Frage nach der Wahrheit, die klassische Krimi-Frage «Whodunnit?», sie verblasst und wird zum Schluss zur Nebensache. Das war sicher auch Glausers Absicht. Aber Breidenbach und Rast übertreiben zum Schluss gänzlich unnötig und drehen regiemässig durch, indem eine der Täter-Rollen das halbe Ensemble niederzumetzeln hat. Schade für den Stoff, Schade für die Absicht des Autors. Das blutjunge Volk, das da an der Premiere mit im Publikum sass, wurde zu seiner Freude genau mit den Bildern beliefert, die es mehr als gut kennt, die aber nichts mit dem Roman zu tun haben. Nichts als ärgerlich.

In teilweisen Doppel-und Dreifachrollen war ein guter Teil des Ensembles im Einsatz. Die Stimmungslage in Spiel, Lichtregie und Musik änderte schnell innerhalb der langen Vorhänge, die die wirkliche Realität der Anstalt verdeckten, bis sie dann zum Schluss völlig fielen. Studer verlässt wie bei Glauser diesen Raum als Geschlagener, dem es nicht gelang, den wirklichen Täter zu fassen. Anders als Dürrenmatts Bärlach ist er nicht der Strippenzieher, sondern der Gezogene. Der Strippenzieher in dieser Inszenierung ist der Anstaltsarzt Doktor Laduner, in den Glauser wesentliche Aspekte des ersten Psychiaters (Dr. Max Müller, Arzt in der Klinik Münsingen), der ihm einigermassen gerecht werden konnte, hineindenkt. Glausers Doktor Laduner ist eine Mischung zwischen Gott in Weiss und Experimentator, der versucht, den Insassen wirklich zu helfen. Nirgendwo wie hier haben Breidenbach und Rast die Handlung frei umgedeutet. So wie Marcus Schäfer den Laduner zu spielen hat, ist er kein Menschenfreund und kein seinen Ruf aufs Spiel setzender Wissenschaftler, sondern etwas ganz anderes: Da tritt Gustav Gründgens zynischer Mephisto in Weiss auf die Bühne, tänzelt herum, verbreitet boshafte Aphorismen und freut sich am ganzen Elend, das die Welt ihm bietet. Mit Glauser hatte das nichts mehr zu tun, doch Herr Schäfer hatte seine Freude daran. Diese Rollengestaltung verrät mehr über die Absurditäten des modernen Regie-Theaters als wohl beabsichtig war.

Nun denn: Die Inszenierung wird nun in den kommenden Wochen in St.Gallen durchgespielt. Der Besuch kann empfohlen werden. Aber nur, wenn Sie, verehrte Lesende, vorher Glausers Roman lesen (und im Idealfall Lindtbergs Films ansehen)!

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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