Das «normative Projekt des Westens»

In der «Gesellschaft-Beilage» der letzten NZZ am Sonntag fand sich ein beachtliches Interview mit dem deutschen Historiker und Philosophen Heinrich August Winkler (»Der Westen ist nicht zum Niedergang verurteilt», NZZ am Sonntag 07.01.2018, S.16-19) zum von mir hier schon im letzten Herbst mehrfach aufgegriffenen Thema, ob die Werte des Westens, wie sich etwa in der Virginia Declaration of Rights von 1776 und in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 finden, auch in der multikulturellen Welt des 21.Jahrhunderts als Leitideen erhalten bleiben werden. Winkler spricht davon als dem «normativen Projekt des Westens» und meint damit: unveräusserliche Menschenrechte, Gewaltenteilung, Volkssouveränität und repräsentative Demokratie.

Dann diagnostiziert er, dass dieses Projekt nicht nur von aussen bedroht ist, sondern dass die ganze Geschichte des Westens durch Kämpfe um die Aneignung oder Verwerfung dieses Projekts und durch eine Fülle von Verstössen gegen die eigenen Werte geprägt war. Es gebe auch kein «metahistorisches Gesetz», dass sich dieses Projekt weltweit durchsetzen müsse. Jedoch: Die Hauptbedrohung des Projekts stellt für ihn nicht Russland oder China dar, sondern der Westen selber in seiner Auseinandersetzung mit eigenen populistischen Tendenzen, die mit diesem Erbe nichts anzufangen wissen und nicht aus der Geschichte gelernt haben. Die Wut und Ohnmacht vieler Bürger/innen des Westens gegen Globalisierung und Zentralisierung, die sie als Bevormundung erleben, steht am Anfang ebenso wie das Sich-Ausgeliefert-Fühlen gegenüber dem Wüten des Neoliberalismus, der ganz Wenige reicher und ganz Viele etwas ärmer macht. Er fordert darum (in der Hoffnung auf ein erneutes Zusammengehen von Deutschland und Frankreich), dass ein System von «Check and Balances» neu errichtet werden müsse.

Dieser Diagnose eines weisen Mannes ist nicht viel hinzufügen ausser der etwas überheblichen Feststellung, dass unsere Schweizer Gesellschaft und Politik gut daran tat und tut, das Prinzip der Subsidiarität und das der Autonomie der kleinräumigen Gebiete aufrecht zu erhalten. Dazu gehört für den bekennenden SVP-Gegner, der hier schreibt, auch, dass wir keine fremden Richter/innen brauchen und wollen.

Heinz Angehrn

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