Jesus und die Achtsamkeit

Aus aktuellem Anlass habe ich in letzer Zeit reichlich Erfahrunge mit überbordenden Gefühlen gesammelt, leider nicht mit angenehmen. Weil das keinen Spass macht, habe ich nach Abhilfe gesucht – die Antwort des 21. Jahrhunderts heisst offensichtlich «Achtsamkeit». Dazu gehören diese Übungen, in denen man gaaanz langsam ein winziges Stückchen Schokolade essen soll – viel zu langsam für meinen Schokoladen-Bedarf. Aber Meditieren ging. Also habe ich mich in der «Berg-Meditation» (Anleitungen lassen sich bei Bedarf und Interesse googeln) bemüht, mich in meiner Vorstellung in einen Berg hineinzuversetzen – seine Stabilität und Unbewegtheit angesichts von Jahreszeiten und Wetterkapriolen sollten mir zum Vorbild für grössere innere Ruhe werden. Was sogar funktioniert.

Nur: Ist eine solche emotionale Abgeklärtheit überhaupt ein erstrebenswertes Ideal? Die Evangelien erwecken nicht den Eindruck, als ob zum Beispiel Jesus unbewegt wie ein Berg gewesen wäre. Stattdessen weint er, als sein Freund Lazarus gestorben ist; ihn packt die Wut, als er das Markttreiben im Jerusalemer Tempel sieht; und in der Nacht vor seinem Tod vergeht er fast vor lauter Angst. Gefühle wollen nicht durch irgendwelche Methoden entfernt, sondern gelebt werden, das scheint Jesus vorzuleben.

Aber genau in der Angst macht Jesus etwas Erstaunliches: Er läuft weder weg, noch wird er wahnsinnig vor Angst. Sondern bleibt dabei, den Weg zu gehen, den er als Richtigen erkannt hat, seinen Weg. Das kann er, denke ich, nur, weil er sich von seiner Angst, so gross sie auch ist, nicht bestimmen lässt, sich nicht von ihr sein Handeln vorschreiben lässt. Er lässt sich nicht vereinnahmen von seinen Gefühlen.

Und damit tut er genau das, was sich mit Achtsamkeit auch üben lässt: Nicht emotionale Unbewegtheit angesichts von himmelschreiendem Unrecht, sondern die Fähigkeit, auch dann noch etwas Richtiges zu tun, wenn die eigenen Emotionen dagegen Sturm laufen. Das ist der Grund, weshalb ich mir manchmal vorstelle, dass meine Gefühle auf einem Fluss an mir vorbei treiben – nicht, damit sie dann weg sind, sondern, damit sie mich nicht beherrschen, wenn ich eigentlich etwas anderes möchte.

Karin Reinmüller

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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