Die 99 Schafe (be)suchen

Auszug aus meiner Neujahrspredigt:

[Seit Anfang Dezember habe ich nun das «Giornale del popolo» abonniert, die katholische Tageszeitung im Tessin. Die Lektüre ist noch happig-schwierig und nur mit dem Wörterbuch gleich nebenan zu bewältigen. Doch: Steter Tropfen höhlt den Stein …]

Da stiess ich nun in der Ausgabe vom 29. auf einen spannenden Artikel eines tschechischen Journalisten und Philosophen, der während der kommunistischen Ära zum Untergrundpriester geweiht worden war. Er – ausgehend von der weitgehend unbestrittene Tatsache, dass die tschechische Republik heute eine der laizistischsten Gesellschaften Europas überhaupt ist – stellt fest, dass der klassische Unterschied von dezidiert «Gläubigen» und dezidierten «Atheisten» nicht mehr taugt, sondern dass beide Gruppen zahlenmässig deutlich geschrumpft sind. Worte eines englischsprachigen Religionssoziologen aufgreifend spricht er davon, dass der wichtigste heutige Unterschied nicht mehr «gläubig-ungläubig», sondern «besitzend» (possessors) und «suchend» (seekers) ist. Immer mehr Menschen in den europäischen Gesellschaften seien auf der Suche danach, was wirklich Halt und Sicherheit gibt, was wirklich Wahrheit ist. Bei einer solchen Ausgangslage tauge die klassische Seelsorge nicht mehr viel. Hauptaufgabe der Seelsorgenden sei es darum, in die Welt der Suchenden hinaus zu gegen, nicht mit dem Dogma, die Wahrheit zu besitzen, auf sie zuzugehen, sondern einfach mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Das setze einen völlig neuen Typus des Seelsorgers oder auch des Priesters voraus. Der Verfasser verwies dazu auf ein Bonmot von Papst Franziskus, das bisher an mir vorübergegangen ist: Der «gute Hirt» lasse das eine brav-gläubig-besitzende Schaf zu Hause und gehe in die Welt hinaus, mit den 99 suchenden zu sprechen.

Ich kommentierte nun, dass diese Diagnose auch für die Deutschschweiz gut zutreffe. Dabei stelle ich (leider!) bei vielen (nicht allen!) meiner Kollegen/innen in der Seelsorge (nicht in den Räten!) eine geistige Faulheit fest. Lieber hütet man die paar wenigen sicher Besitzenden, die noch in den Pfarreien und den immer kleineren werdenden Vereinen geblieben sind, statt sich in den Diskurs und Dialog mit der Neuzeit (der übrigens nicht an Stammtischen und an Volksfesten, sondern im kleinen seriösen Gespräch stattfindet!) zu begeben. Bezeichnend etwa der fast innig ersehnte Rückzug aus dem Religions- und Ethikunterricht an den Oberstufen und Gymnasien, eine m.E. Kapitulation der übleren Sorte. Lieber erzählt man Kindern fromme Geschichten, als sich in den geistigen Boxring der pluralistischen Gesellschaft zu begeben. Bezeichnend noch mehr die Skepsis (manchmal fast Feindseligkeit) gegenüber Ideen zu völlig neuen Formen der Seelsorge (in St.Gallen etwa: LOS = LebensRaumOrientierte Pastoral, City-Seelsorge, WirkRaumKirche etc.), die man/frau als Konkurrenz und Gefahr, statt als Chance wahrnimmt. Untersuchungen, dass auch im Raum St.Gallen gerade noch 7% der Kirchensteuerzahlenden Gottesdienste besuchen, werden mild lächelnd zur Kenntnis genommen, und es wird zum Alltag des Hütens der immer kleiner werdenden Zahl der Schafe zurückgekehrt. Bis das letzte dann auch noch stirbt.

Ein neues Jahr mit viel Aufbruch wünscht der Schreibende.

 

 

 

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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