Sittliche Verantwortlichkeit statt Netz von Geboten

Mut, die Probleme der Stunde anzugehen, das fordert Patriarch Maximos Saigh mit Blick auf die umstrittene Frage der Geburtenregelung Ende Oktober 1964 in der Konzilsaula. Zwei Beobachtungen gibt er den Konzilsvätern zu bedenken: den Zwiespalt zwischen der Lehre der Kirche und der Praxis und der Not der Eheleute sowie das Bevölkerungswachstum auf der Erde mit Folgen eines hoffnungslosen Elendes.
Vor diesem Hintergrund fordert Patriarch Maximos eine Überprüfung der amtlichen Äusserungen der Kirche in dieser Sache. Diese Prüfung müsse geschehen im Licht der Wissenschaften ebenso wie in der selbstkritischen Frage, ob die kirchliche Position nicht unter dem Einfluss einer leibfeindlichen Auffassung steht, «für die das leibliche Geschehen in sich selbst verdorben ist und nur von der Sicht eines Kindes her ertragen wird […]. Ist der rechte äussere biologische Ablauf der Handlungen ein Gesetz, ist er das einzige Kriterium der Sittlichkeit, unabhängig vom Leben in der Familie, seinem sittlichen, ehelichen und familiären Klima und von den schweren Forderungen der Klugheit, der Grundregel all unserer menschlichen Handlungen?»
Der 86jährige Patriarch verkennt nicht die Sensibilität des Themas. Er regt aber an, auf die sittliche Verantwortlichkeit der Gläubigen zu setzen und diese zu bilden, «statt sie in ein Netz von Vorschriften und Geboten einzuwickeln und von ihnen zu verlangen, sich mit geschlossenen Augen schlicht und einfach danach zu richten».
Bereits wenige Tage zuvor hatte Patriarch Maximos eine Rede gehalten, in der er den Geist der Gesetzlichkeit monierte und zu einer Revision der Darlegung der Moralverkündigung der Kirche aufgefordert hatte.
(emf; AdF 3,262-264; AS 3/6,59-62; vgl. AS 3/5,567-569)

Konzilsblogteam

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