So fasste Marie-Dominique Chenu seine Grundüberzeugung zusammen. In der Geschichte sei die Gegenwart Gottes erkennbar – und der geschichtlichen Gegenwart Gottes müsse die Kirche in Gestalt und Leben entsprechen. Der Bezug auf die konkrete Geschichte, auf die «Zeichen der Zeit», wurde auf dem Konzil immer wieder durch eine Hinwendung zu den Armen und zu ihrer geschichtlichen Erfahrung vorgenommen. Das Wiedererwachen der Kirche sollte als Erwachen der Kirche der Armen verstanden werden. Johannes XXIII. hatte diesen Begriff schon 1962 in die Konzilsarbeit eingebracht.
Die Gruppe «Kirche der Armen» bemühte sich, den Impuls von Johannes XXIII. wach zu halten. Während sie noch 1962 und 1963 rege arbeitete, kam es aber 1964 zu vermehrten Schwierigkeiten. Einerseits standen sich «Praktiker» und «Theoretiker» gegenüber. Die einen wollten vor allem symbolische Handlungen durchsetzen, um die Kirche der Armen sichtbar werden zu lassen. Die anderen strebten vorrangig nach einem inneren Bekehrungsprozess der Kirche. Ein zweites Hindernis war der arbeitsreiche Konzilsalltag. Neben den offiziellen Sitzungen und Kommissionsterminen wurde es zunehmend schwieriger, als informelle Gruppe ein zusätzliches Arbeitspensum aufrecht zu erhalten. Dennoch ist es ihr im Oktober und November 1964 gelungen, Impulse zu geben.
Den Konzilsvätern wurden am 23. Oktober 1964 zwei Petitionen vorgelegt, die hohe Zustimmung erhielten, und an Papst Paul VI. weitergeleitet wurden. Die eine Petition «Einfachheit und evangelische Armut» verlangte von den Bischöfen ein bescheideneres Auftreten, den Verzicht auf Ehrentitel und kostbare Gewänder. Die andere Petition «Der Vorrang in unserem Dienst für die Evangelisierung der Armen» benannte als Prioritäten bischöflichen Handelns das Apostolat unter den Ärmsten und den Menschen in der «Dritten Welt». Dazu kam die Empfehlung einer Wiederbelebung der Arbeiterpriesterbewegung. Über 500 Bischöfe haben sich diesen Petitionen angeschlossen.
(ab; A4, 443ff, Margit Eckholt, Kirche der Armen, in: Delgado/Sievernich (Hg.): Die grossen Metaphern des Zweiten Vatikanischen Konzils, Freiburg i.Br. 2013., 205ff)
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