Am 20. Oktober begannen die Aussprachen über das Schema XIII. Auch wenn schon klar war, dass es einen neuen Text mit Adnexa-Inhalten geben würde, sind sie nicht nebensächlich. Es ging um die gesamte Strategie des Textes sowie des Konzils für die Zeit danach.
Viele konkrete Punkte waren strittig, so zur Ehe der Verzicht auf die Nebensache der Ehezwecke, ebenso die Verhütung, die Suenens im Sinne der demographischen Probleme ermöglichen, Paul VI. aber schon damals dezidiert verhindern wollte und deshalb vom Moderator Suenens öffentliches Relativieren seiner Aufsehen erregenden Intervention erzwang, sowie die Nicht-Verurteilung der Kommunisten, wofür besonders polnische Konzilsväter warben, und natürlich die Atomwaffen.
Prinzipiell trat die harsche Kritik der Deutschen auf, vor allem bei Frings und Volk, hinter denen Ratzinger und Rahner steckten. Sie forderten mehr unterscheidende Kreuzestheologie gegenüber einer sündigen Welt ein sowie mehr existentiellen Nachdruck auf eine Erlösung ersehnende Freiheit. Ihnen passte die Grammatik nicht, mit Pacem in terris auf Gottes Inkarnation in die Geschichte zu setzen und sie von den signifikanten humanen Vorgängen der heutigen Zeit her zu verstehen. Das war das Anliegen der Befürworter aus Frankreich und dem italienischen Sozialkatholizismus. Damit sei zugleich verbunden, so Lercaro, dass die Kirche ihre eigene Erneuerung von jenen Aufgaben her gelobte, die auf sie von der heutigen Welt her zukommen; denn ohne eine auf ihr eigenes Evangelium hin radikal erneuerte Kirche sind viele Menschheitsprobleme nicht zu lösen.
Die Inkarnationsgrammatik, sich humanen Stärken der Welt wie eigenen kirchlichen Schwächen auszusetzen, wird sich mit dieser zweiten Kirchenkonstitution auf dem Konzil durchsetzen. Für die Zeit danach bestimmte das augustinische Abrücken von den Verwerflichkeiten der Welt die kirchliche Identität. Der Streit darüber ist nach wie vor virulent, ob der Kirche der Glaube an Gottes Inkarnation im Zeichen dieser Zeit Not tut oder die Überzeugung ihrer eigenen Auserwählung zum Heil der Welt besser zu Gesicht steht.
(Hans-Joachim Sander)
Konzilsblogteam
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