Historische Erkenntnis bedroht den Glauben: dieses Empfinden lastet wie ein dunkler Schatten auf der Theologie, zumal im beginnenden 20. Jahrhundert. Die historische Rückfrage scheint die Sicherheit zu gefährden, die man aus Bibel und Dogma schöpfen möchte.
Diese Fragestellung macht sich in der Diskussion um den Text über die Offenbarung bemerkbar. Am 5. Oktober 1964 wirbt Weihbischof Joseph Heuschen von Lüttich um Gelassenheit angesichts der Erkenntnis, dass die Überlieferung des Neuen Testamentes das Leben Jesu nicht nur für die Erinnerung festhält, sondern in der Weise verkündigt, dass es Fundament für den Glauben und das Leben der Kirche sein kann. Die Evangelien präsentieren also nicht die nackten Taten und Worte Jesu in chronologischer Reihenfolge, sondern zeigen die Bedeutung und die religiöse Kraft für das Leben auf. Dabei verfolgen die Evangelisten jeweils eine besondere Absicht, eine besondere Art der Darstellung. Die Rückfrage der Exegese nach diesen Absichten führt zur ursprünglichen Wahrheit der Evangelien.
Ganz in diesem Sinne fordert einen Tag später Abtpräses Christoph Butler Freiheit für die Theologen, insbesondere die Exegeten, bei der Erfüllung ihrer Aufgabe. Die Konzilsväter ruft er auf: «Haben wir keine Angst vor der wissenschaftlich-kritischen und geschichtlichen Wahrheit! Haben wir keine Angst, dass eine Wahrheit gegen eine andere Wahrheit spreche!» Selbst wenn es auch zu Fehlern komme: Experimente und Irrwege (Butler ergänzt auf englisch: «by trial and error») seien Wege zur Wahrheit. Wer dies scheut, wendet in kindlicher Behaglichkeit den Blick von der Wahrheit ab, statt sie in kritischer Wissenschaft zu suchen.
(emf; vgl. AS 3/3,317-321.353-355; AdF 1,131-136)
Konzilsblogteam
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