Meine Theologen-Generation ist noch mit Urs Altermatts Werk «Der Weg der Schweizer Katholiken ins Ghetto» (Zürich, Benziger, 1972) aufgewachsen. Altermatt schildert in ihm historisch korrekt den eigenen Weg, den die Katholiken in unserem Land nach der Niederlage im Sonderbundskrieg und dem ihm folgenden Ausschluss von der politischen Macht mit dem ersten Bundesrat von 1848, dies alles parallel verlaufend zu einer quantitativ immer stärkeren Zuwanderung von katholischen Familien aus ihren Stammlanden hinein in die Städte, gehen mussten. In den Städten entstanden eigentliche katholische Parallel-Gesellschaften mit Quartieren, die fast nur von Katholiken bewohnt waren, mit eigenen Sparkassen, Versicherungen, Läden, Restaurants, Sport- und Musikvereinen und gewerkschaftsähnlichen Organisationen (KAB). Der Erfolg der katholischen Kinderorganisationen Blauring und Jungwacht gehört ebenso zu dieser Geschichte, wie die Bedeutung aller katholischen Feste und des katholischen Brauchtums in dieser Parallelgesellschaft, die Altermatt «Ghetto» nannte. [Ein PS hier: Wo verlaufen Linien ähnlich zu den französischen Banlieues, und wo nicht?]
In diesem geschlossenen System hatte die CVP einen sicheren und dementsprechend leichten Stand. Wer katholisch war, stimmte für diese Partei, und das Urteil ihrer Granden, die entweder aus dem KK- oder dem CSP-Flügel stammten, war fast ebenso Gottes Wort wie das des jeweiligen Bischofs. Die Endphase einer solchen Parallel-Welt erlebte ich noch als Bub im St.Galler Linsenbühl-Quartier, etwa fünfzehn Minuten zu Fuss von «unserer» Kirche, der Kathedrale entfernt. Im Kantonsparlament St.Gallens hatte die CVP sogar die absolute Mehrheit; Kurt Furgler war quasi die Inkarnation von Altermatts Befund (er war ja sogar Trainer des urkatholischen Handballclubs St.Otmar; als kleiner Wurm sah ich ihn noch auf der Bank sitzen!). Ja: Die Katholiken waren nun die treusten Staatsdiener geworden, nirgendwo sonst war es etwa so verpönt, Armee und Landesverteidigung in Frage zu stellen, wie genau in diesem Milieu. Wer es geschafft hatte, aus dem Ghetto in die Machtzentralen (der Wirtschaft, der Banken, des Staates, der Armee) aufzusteigen, war psychologisch gesprochen ein zu selbstverachtender Solidarität dem System gegenüber Verpflichteter. [Ein PS wiederum: Man lese unter diesem Blickwinkel Niklaus Meienberg, er stammt aus dem katholischen Nachbar-Ghetto meiner Kindheit, aus St.Fiden.]
Wenn man sich diese Epoche, die etwa zwischen 1880 und 1970 anzusetzen ist, vor Augen hält, ist es geradezu erschreckend, wie schnell dann der Zufall dieser Parallelgesellschaft und der mit ihr verbundenen Ideologie erfolgte. Gerade in katholischen Gebieten ist es etwa nicht mehr der Fall, dass die CVP die stärkste Partei. Linke Katholiken politisieren bei SP und Grünen, rechte bei der SVP. Die Vereine schrumpfen und sterben, wie andere Vereine auch.
Und nun dies: In der Stadt St.Gallen hat die CVP ihren letzten Sitz in der Stadtregierung, dem Stadtrat verloren! Und trotzdem ist die Mehrheit der Mitglieder dieses Rates katholisch. Sic transit gloria mundi.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/totalumbruch-in-wenigen-jahrzehnten/