«Wir müssen jeden verdammen, der den Hass oder die Verfolgung der Juden als christlich rechtfertigen wollte», so verlangt es Kardinal Cushing, Boston, am 28. September 1964. Die Erklärung des Konzils über die Juden wird heiss umkämpft. Die Teilnehmer spüren die Last der jüngeren Geschichte, die keine 20 Jahre zurückliegt. Aber zugleich sehen manche die Kirche selbst von Kritik ausgenommen. Kardinal Ruffini, der der Minderheit angehört, verweist auf die Massnahmen des Vatikans zur Rettung von Juden während der Nazizeit. Es brauche daher nicht vieler Ermahnungen an die Katholiken, um die Juden zu lieben. Vielmehr wüsste man ja, dass die Juden «unserer Religion oftmals feindlich gesinnt sind». Konkret führt er an, dass die Juden die Freimaurer unterstützten. Entsprechend solle das Konzil die Juden nachhaltig dazu aufrufen, «die Liebe, mit der wir ihnen zuvorkommen, zu erwidern».
An der Bewertung der Rede von den Juden als «Gottesmörder» zeigen sich die Konfliktlinien. Ruffini weist den Begriff zwar auch zurück – allerdings mit einem theologischen Allgemeinplatz, nach dem Menschen Gott gar nie töten könnten. Mit Blick auf das konkrete Ereignis der Kreuzigung klagt er die Juden gleichwohl an, indem er verlangt, «dass die Juden endlich einmal zugeben sollten, Christus sei zu Unrecht zum Tode verurteilt worden». Ohne diese Doppelbödigkeiten sprechen die Kardinäle Cushing und Léger: «Wir müssen in dieser Erklärung auch mit sehr klaren und einleuchtenden Ausdrücken verneinen, dass die Juden am Tod unseres Erlösers schuldig sind ausser als Sünder wie alle Menschen, die ihn durch ihre Sünden gekreuzigt haben und zu kreuzigen fortfahren.» Léger weist eine Formulierung zurück, die lediglich die «Juden von heute» von der Verantwortlichkeit für die Passion Christi ausnimmt. «In Wirklichkeit geht es aber bei diesem Problem gar nicht um die Juden von heute, sondern um das jüdische Volk als solches. Wir müssen ausdrücklich erklären, dass ihm keine Schuld für das zuzumessen ist, was nach dem Zeugnis der christlichen Überlieferung unsere Missetaten und die Sünden aller Menschen verschuldet haben.»
(ab; AdF 3, 486-489)
Konzilsblogteam
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