Barbari ibi adsunt

Der geneigte Leser/die geneigte Leserin erinnert sich nun vielleicht an eine lange Reihe, die der Schreibende unter diesem Titel in den Herbstmonaten 2016 geschrieben hatte. Sie war als «Ferienreihe» konzipiert, um auch längere Ortsabwesenheiten zu kompensieren und sollte einen locker heiteren Ton tragen. Doch dann holte mich das Schicksal ein bzw. völlig von den Schuhen, als eines frühen Mittwochmorgens die Wahlergebnisse aus den USA über den Schirm flimmerten. Der Spass war zur bitteren Realität geworden. Nicht so schlimm wie damals am 30.01.1933, aber dennoch: Die reine Barbarei abseits jeglichen Vernunftgebrauchs hatte wieder einmal in einem eigentlich zivilisierten Staat, ja genau in dem Staat, in dem am 04.07.1776 erstmals in einem politischen Dokument die Werte der Aufklärung ausformuliert wurden, gesiegt. Wie ist das möglich? Hier gibt uns Kant die Antwort:

Dass der/die Wähler/in sich nicht immer über seine Neigungen erheben kann, leuchtet ein. Denken wir etwa daran, wie sich die Wählenden in der Endphase der Weimarer Republik mit der Monster-Inflation nach der Weltwirtschaftskrise fühlten. Nicht so dramatisch, aber doch ähnlich, stellte sich die Lage eines Teils der US-Wählerschaft im Rostgürtel dar, in den Staaten also, in denen Clinton die Wahl endgültig verlor. Ob dies in den sogenannt neuen Bundesländern Deutschlands ähnlich war/ist, müssten Kompetentere beurteilen.

Weitaus schlimmer aber ist, dass Menschen, die eine Wahlkampagne finanzieren bzw. medial fördern, Politiker (bzw. Politik-Aussenseiter wie Trump), die mit ihren Botschaften nichts tun, als Neigungen zu bedienen und den Gebrauch der Vernunft (bei Hitler in brutaler, bei Trump gottseidank nur in kabarettistischer Weise) bewusst ausschalten ja gar lächerlich machen, unterstützen. Darum liegt auch hier grössere Schuld bei denen, die sie «ausgeliefert – sprich protegiert» haben! Das war in den Jahren 1925 bis 1933 bei einem Teil der deutschen Industrie-Oberschicht der Fall, wer da in den USA auf Begünstigung hoffte, wird sich noch herausstellen. Die Opfer des bewussten Nicht-Gebrauchs der Vernunft sind auf jeden Fall immer die Minderheiten, denen ja ihr Menschenrecht abgesprochen wird. In den USA, wie wir gerade erleben, etwa spanischsprachige Schwarzarbeiter/innen und Bewohner von Indianer-Reservaten.

Ebenfalls lädt Schuld auf sich, wer (wie damals Herr Wolfgang Schüssel und heute Herr Sebastian Kurz etwa) solche Politik abseits der Vernunft mit grossem Erfolg dank Bedienens der Neigungen hoffähig macht und sich ihr zudient, nur um der Macht willen. Meine Herren: Auch Sie erheben sich nicht über Ihre Neigung. Wie sagt Kant doch so schön, dass die ärgste Neigung die arrogantia sei! Wollen Sie doch, wenn Sie dann das Jenseits betreten, Herr Franz von Papen fragen, wie man sich danach fühlt…

Zum Schluss für Schweizer Leser/innen: Ich mag Herrn Blocher aus tiefem Herzen nicht, er ist ein unkultivierter Rüpel und Nouveau-Riche. Aber dass er sich geweigert hat, neben Herrn Alexander Gauland zu stehen, zeigt, dass er die Lektionen der Geschichte gelernt hat.

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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