Flugblätter und Briefe

Ein spannungsgeladener Bogen reicht vom 18. September 1964, ein Freitag, bis zum darauffolgenden Montag. In der Debatte über das 3. Kapitel von Lumen gentium trägt Bischof Luigi Carli von Segni eine deutliche Kritik an der Rede über die Kollegialität vor.
Am selben Tag werden auf dem Petersplatz beim Eingang der Petersbasilika Flugblätter verteilt, die dazu aufrufen, zu den einzelnen Artikeln des dritten Kapitels jeweils mit «non placet» und zum ganzen Kapitel «placet iuxta modum» zu stimmen (vgl. Co 2,147). Es heisst, Erzbischof Parente habe gedroht, seine eigene Rede am Montag mit einem Protest dagegen zu beginnen, wenn dies nicht durch das Präsidium geschehe (vgl. Lu 2,127). Tatsächlich wird Kardinal Tisserant, allerdings verpackt in andere Ermahnungen, die Verteilung der Flugblätter monieren.
Am 20. September schreiben einige Konzilsväter unter Führung von Larraona erneut an den Papst, um die Verabschiedung des dritten Kapitels zu verhindern. Ein weiterer Brief in diesem Sinne wird am 21. September folgen.
Am 21. September werden in der Konzilsaula vier Berichte zum 3. Kapitel vorgetragen: eine kritische Stellungnahme, als Referat der Minderheitenmeinung vorgetragen von Bischof Franić, sowie drei Berichte über den sakramentalen Charakter des Bischofsamtes, die Kollegialität und das Diakonat, vorgetragen von Kardinal König, Erzbischof Parente und Kardinal Henríquez. Beachtung findet vor allem Parente, der ursprünglich ein Gegner der Rede von der Kollegialität gewesen war, nun aber aus Überzeugung dafür eintritt. Henri de Lubac bemerkt dazu: «Wer hätte das vor zwei Jahren gedacht? Wer hätte es geglaubt?» (Lu 2,130).
Die Abstimmungen über die einzelnen Artikel bzw. am 30. September über die drei Teile des Kapitels lassen schliesslich erkennen, dass die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit in allen Hinsichten erreicht wird und nur eine Minderheit von weniger als 15% den Text ablehnt. Die Konzilsversammlung wünscht keine Wiedereröffnung der Debatte, die in der zweiten Konzilssession geführt worden war.
Deo gratias, soll Papst Paul VI. geäussert haben, als er die ersten Ergebnisse der Abstimmungen erfuhr. Er wird sich aber im Herbst 1964 noch deutlich einsetzen, um der Minderheit entgegenzukommen.
(emf)

Konzilsblogteam

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