Gelegentlich befällt den Schreiberling die Lust, sich aufs ganz seriöse Feld zu begeben, wohl auch als (selbst bestrafenden?) Ausgleich zu den Scherzen, die er sich hier ab und zu erlaubt …
Ich nehme in diesem Beitrag und in dem der nächsten Woche Bezug zu zwei NZZ-Feuilleton-Artikeln, die zueinander gehören:
René Scheus Beitrag «Die Barbaren, sie lauern überall» vom 28.10.2017
Dieter Thomäs Beitrag «Was ist das Erbe der Aufklärung?» vom 03.11.2017
Scheu, Jahrgang 1974, Ausbildung Phil I (Philosophie, Italianistik), ist momentan Leiter des Feuilletons der NZZ; Thomä, Jahrgang 1959, Ausbildung Phil I (Philosophie), ist Professor für Philosophie an der HSG.
Man beachte zunächst die 15 Jahre Altersunterschied. Sie allein geben schon Auskunft, dass die beiden Herren nicht in der gleichen geistigen Welt aufgewachsen sind. Und in der lustvollen Art und Weise, wie sich ihr Diskurs vor uns ausbreitet, zeigen sich sogar ganze Abgründe von geistigen Welten. Ich würde es mal unseriös so beschreiben: Herr Scheu würde sich wohl beim Dinner mit Herrn Köppel recht gut unterhalten, er gehört wohl zum Typus des neuen Intellektuellen, der die Meinung vertritt, dass linke Idealisten die eigenen Ideale verraten. Herr Thomä würde sich darob degoutieren und möchte lieber zum Alten nach Königsberg reisen, um ihm kundzutun, wie schlecht es heute um die Vernunft steht.
Worüber streiten die Herren denn, und warum sehen sie beide «das Erbe der Aufklärung» bedroht? Beginnen wir mit einer Feststellung Scheus: «Die Progressiven, selbsternannte Träger von Toleranz und Offenheit, erweisen sich als Verdunkler und Wegbereiter einer neuen Ungleichheit». Er verweist darauf, dass etwa progressive Feministinnen sich plötzlich für das Recht der Vollverschleierung einsetzen, und dass jede/r, der nicht Emanzipation, Integration und Inklusion preist, zum Barbaren, ja im Sinn der Wähler von Herrn Trump zum «wütenden weissen Mann» erklärt wird. Solches absolutes Denken verrät nach Scheu Intoleranz und neuen Rassismus. Wer nicht im Sinne der global denkenden Geister argumentiert, die erklären, dass eben ganz verschiedenartige Kulturen mit unterschiedlichsten, ja sich sogar ausschliessenden Wertsystemen, gleichwertig sind, der ist Verräter an der Sache der Aufklärung. Zynisch kommentiert Scheu dazu, dass genau solches Denken einem «neurechten Ethnopluralismus» zudient.
Thomä schüttelt sich vor Entsetzen, wirft Scheu vor, dass er geistige Scheuklappen trage (nur schon das Wortspiel macht Spass!), was heissen will, dass er von gewünschten Schlussfolgerungen her sich einfach alles Material links und rechts zusammentrage, das seiner Argumentation nur zudienen kann. Scheus Weltbild kenne zwei Gegner, die Fundamentalisten jeder Couleur und die Multikulti-Anhänger, die beide in ihrer Art das Erbe der Aufklärung verraten. Dem entgegen vertraut Thomä in nibelungenartiger Treue zu Immanuel Kant darauf, dass die moralische Anlage zum Fortschritt, die dem homo sapiens gegeben ist, in allen Kulturen, Religionen und Weltecken zu mehr Freiheit, zu mehr Demokratie und damit zu mehr Achtung der Menschenwürde führen wird. Hier werde nichts Geringeres als die Zukunft der Demokratie und des Liberalismus verhandelt, endet er fast pathetisch.
Wir merken: Da geht es irgendwie um die Wurst, um die Frage nämlich, wie in einer multikulturellen, multireligiösen und damit auch multi-wertorientierten Welt die Ideale, die sich mit Beginn der Neuzeit im ganzen Westen herausgebildet haben, bewahrt und vor dem Rachen der vielen Barbaren, die da lauern, gerettet werden können. Es geht natürlich grundlegender um die Frage, ob die Aufklärung als wesentlicher Entwicklungsschritt der Völker und Kulturen des Westens auch wesentlicher Entwicklungsschritt der ganzen Menschheit ist. Mit beiden Herren, die da debattieren, meint der Schreibende: Ja. Der Streit geht also um das Wie!
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant