Digitale Gemeinde: Chance oder Schreckgespenst?

Die Versammlung der Gemeinde im Angesicht Gottes ist konstituierender Bestandteil des Kirchenverständnisses. Können die sozialen Medien Gottesorte sein?

In der christlichen Tradition ist die Kirchgemeinde der Ort der Versammlung und der Stiftung von Gemeinschaft. «Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.» (Matthäus 18,20) Gilt dieses Kriterium nicht auch für die virtuellen Gemeinschaften in den sozialen Medien? Wie könnte solch eine digitale Gemeinde aussehen? Gehen wir dieser Frage nach.

Die Orte der digitalen Gemeinde

Wenn im Mittelpunkt des christlichen Glaubens das Gewissen steht, es also um eine Beziehung mit bindender Wirkung geht, scheint der geografische Ort der praktizierten Gemeinschaft sekundär. Wichtig wäre dann die Präsenz dort, wo die Suchenden sich aufhalten, oder neudeutsch: wo sich die Nachfrage befindet. Das sind gegenwärtig – gemessen an den Kontaktzahlen – ohne Zweifel die sozialen Medien.

Spricht also etwas dagegen, beispielsweise den Religionsunterricht als Webinar durchzuführen (die Diskussionsfunktionen und die Kamera lassen sich aus- und einschalten)? Die Andacht liesse sich auch als Podcast halten und wäre dann jederzeit verfügbar, beispielsweise wenn die Gläubigen sie gerade brauchen. Die Beichte könnte via Skype (ohne Kamerafunktion), die Seelsorge in einer WhatsApp-Gruppe (via Broadcast-Liste) erfolgen und Heiligenbilder liessen sich ja auch per Instagram vertreiben. Und der Gottesdienst vielleicht in Form einer YouTube-Serie oder live von zuhause erlebt mit der Datenbrille?

Verknüpfung von analoger und digitaler Welt

Eine solche Entwicklung würde grosse Herausforderungen struktureller Art bedeuten. Wie wichtig sind dann noch die Parochie als Organisationseinheit und die Zentrumsorientierung? Aber würde die Arbeit möglicherweise auch erleichtert, wenn deren Ortsbindung nicht mehr so streng wäre?

Auch der Veränderungswille der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wäre gefordert. Sind zukünftig dann überwiegend IT-Spezialisten und Social-Media-Manager bei der Kirche angestellt? Wohl eher nicht und das ergäbe auch keinen Sinn. Denn was wirklich zählt, ist die Haltung, das Menschenbild und das theologische Verantwortungsbewusstsein. Und das ist bei den heutigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schon vorhanden. Die Kompetenzen für den sinnvollen Einsatz der sozialen Medien sind so gesehen vergleichsweise einfach zu erwerben. (z.B. bei «Kommunikation in der Kirche» )

Und was geschieht mit den heilsbringenden Sakramenten? Möglicherweise reduzierte sich die Anzahl der Heiligen Messe auf wenige im Jahr, die wären dann aber grossartige Hochämter im Sinne von Event-Highlights. Damit hätte man die virtuelle und die reale Welt auch wieder zusammengeführt.

Vielleicht auch nur ein Zwischenschritt

Das sind sicher gewöhnungsbedürftige Gedanken, die sich vielleicht trotzdem lohnen. Denn es könnte sich bei der Digitalisierung ja auch um einen Zwischenschritt der Generation handeln, die nicht weiss, wie es ohne Smartphone geht. Und die nach der Teilnahme an virtuellen Gemeinschaften die anderen Teilnehmer dann doch einmal real treffen wollen. Und dabei kann die Kirche helfen. Nur müsste sie dazu vorher auch digital präsent sein. Und: Wenn sich die Kirche in den sozialen Medien engagiert, dann macht sie diese auch sozialer.

Kirche kommuniziert

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.blogs-kath.ch/digitale-gemeinde-chance-oder-schreckgespenst/