Düstere Zeiten II

Swiss army live – Teil IV: Marschieren, bis der Körper bricht

Da muss ich mich gleich zunächst beim netten Leutnant entschuldigen und zugleich bedanken: Beim längsten und übelsten aller Märsche hat er mich nämlich im Aufstieg von Rodi-Fiesso zum Ritomsee getröstet und später sogar mit Heidelbeeren gefüttert. Er war ein wirklich fürsorglicher Chef, und dass ich in meinem Trotz noch langsamer getrottet bin, ich als eigentlich konnte, tut mir heute leid. Sollte ihn jemand, der hier liest, kennen, bitte ich doch, es ihm auszurichten. Er war einer der wenigen Offiziere in meiner gesamten «Karriere», den ich achtete. Sein Wutanfall etwa, als ich meine leidvoll geplagten Füsse beim Marschhalt in der Maggia badete, ist mir heute sogar verständlich (denn, der/die Leser/in weiss, ich war ja später Pfadfinderpräses und hatte auch solche Wutanfälle…).

Aber das Marschieren war einer der gröberen Sinnlosigkeiten und nämlich nicht dass, sondern in der Art und Weise, wie es vorgenommen wurde. Da mussten völlig sinnlose Gegenstände mitgeschleppt werden, die nur das Gewicht des Rucksacks vergrösserten. Höhepunkt etwa: Im heissesten Tessiner Sommer wurde der schwere Wintermantel (er hiess so etwas wie «Kaputt» und machte es auch) mitgeschleppt. Manchmal verlor die Eidgenossenschaft so auch Gegenstände, wenn etwa ein schlapper Rekrut das Rad einer Bahre in eine Gebirgsschlucht wegrollen sah. Und noch schlimmer: Es musste organisiert gewandert werden, in streng vorgeschriebenem Abstand und Rhythmus. Später in der Jugendarbeit lernte ich schnell, dass man vorne an die Marschgruppe einen der Schwächeren stellen muss, damit alle mithalten. Aber hier wurde in Gottes schöner Schöpfung herumgerannt ohne Rücksicht auf Verluste.

Swiss army live – Teil V: Sensible Vorgesetzte

Ich will den Teil der Erinnerungen an meine erste Karriere nicht ohne die schönste aller Episoden beenden. «Von der Kampfbahn in die Realität der Arbeit» – so könnte man sie nennen. Es gab da nämlich noch wahrlich Furchterregendes, das wohl aus den Zeiten, als sich noch die Grenadiere in Losone getummelt hatten, übrig geblieben war und das «Kampfbahn» hiess. Da sollte man über, unter und durch metallene, hölzerne und steinerne Hindernisse hindurch rennen, krabbeln und springen. Nun so etwas gehört vielleicht zur Ausbildung von irgendwelchen Amy-Kampfmaschinen, die sich freiwillig für den Einsatz in Afghanistan melden, «marines» heissen die, soviel ich weiss. Aber harmlose zwangsverpflichtete unsportliche Schweizer Jungs wie mich?

Es kam, wie es kommen musste. Ich kam bis zum dritten Hindernis und fiel kopfüber durch die Holzbalken hindurch. Der Leutnant, etwas bleich geworden, nahm mich nie wieder mit auf die Kampfbahn. In der Zeit durfte ich dann bei Herrn Doktor Pfister, Oberarzt und Kompagniekommandant, irgendwelche Dienstpläne zeichnen. Das machte Spass, es war kühl und ruhig, und ich wusste vor den anderen, was uns erwartete. Doch dann läutete das Telefon, und Herr Pfister erfuhr, dass er zwei Rekruten als Sanitäts-Gehilfen in die Gebirgsschule in Andermatt zu senden hatte. Da ich des Wanderns und Angebrüllt-Werdens müde war, blickte ich ihn flehentlich an. Und prompt, einen Tag später, war ich zusammen mit dem Zweitunsportlichsten der Kompanie droben im Gebirge. Und da kamen wir auf die Welt: Denn nun lagen wirklich Kranke und Verletzte vor uns. Der Ernst des Lebens hatte begonnen. Und das war sehr gut so. Ich verdanke diesem Vorgang viel für meine spätere Jugendarbeit.

Moral von der Geschicht: Die Army nützte doch etwas, einfach anders als gewollt.

Heinz Angehrn

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