«Und die in Asien sieht man nicht»
Unter diesem Titel beklagte sich ein Korrespondent des Zürcher Tages-Anzeigers über die unterschiedlichen Massstäbe, die angelegt werden, wenn es gilt, aus der Menge der anfallenden Nachrichten die relevantesten herauszufiltern. Denn: «Es müssen Hunderte Bauern in Bangladesh ertrinken, bevor ihnen ähnliche Aufmerksamkeit zukommt wie einem Opfer in der westlichen Welt.»
Der Hintergrund: «Das südliche Asien versinkt in den Fluten des Monsuns. In Indien, Nepal und Bangladesh haben die Naturgewalten weit mehr als tausend Menschen in den Tod gerissen, in den USA haben bislang drei Dutzend Bewohner ihr Leben gelassen. Harvey läuft auf allen Kanälen, die Reportagen aus Houston überschlagen sich. Und die Flutopfer in Südasien?»
Schon bevor ich diesen Artikel las, ist mir aufgefallen: Es hatte auf allen Kanälen eine Flut (!) von Meldungen über die Hurrikan in den USA mit etwa 30 Toten gegeben, als man endlich die Nachricht fand: In Südostasien starben mindestens 1300 Menschen wegen einem Wirbelsturm.
Sicher, eine Auswahl muss getroffen werden. Es ist normal – und auch gut – dass nicht über all das Schlimme, das in der Welt geschieht, ausführliche Berichte zu finden sind. Man bedenke, was der SRG-Direktor Roger de Weck vor einigen Tagen auf einem Podium gesagt hat: In der heutigen Welt gibt es rund 400 bewaffnete Konflikte und 30 (Bürger)Kriege. Nicht alle können von den Medien «covert» werden.
Wiederum: Es geht um die Massstäbe. Darüber schrieb bereits vor ziemlich genau einem Jahr der Basler Matthias Zehnder in seinem Blog «Warum Mofas gefährlicher sind als Terroristen».
Er meinte damals: «Basel hat diese Woche Schlagzeilen gemacht: Ein mutmasslicher Dschihad-Rückkehrer sitzt in Basler Ausschaffungshaft – und könnte bald frei kommen. Die Fernsehsendung «Rundschau» hat darüber berichtet und die halbe Schweiz hat sich darüber empört. Bloss: Vor lauter Angst und Bangen vor islamistischem Terror gehen die wirklichen Gefahren vergessen.»
Nicht nur in Basel würden die Massstäbe seltsam gesetzt. in den USA sei das Risiko, von einem Kleinkind erschossen zu werden, das mit der Waffe der Eltern spielt, wesentlich höher als an einem Terroranschlag zu sterben. In Deutschland und wohl auch in der Schweiz sei es wahrscheinlicher, vom Blitz getroffen zu werden, als von einem Terroristen erschossen zu werden.
Und doch sind die Gefahren des Terrorismus in den Medien allgegenwärtig. Während andere Gefahren totgeschwiegen werden, eben zum Beispiel jene, die von Dreck schleudernden Motoren ausgeht (vgl der Titel des Zehnder-Blogs: Warum Mofas …) Die dadurch hervorgerufene Luftverschmutzung fordert in der Schweiz jährlich rund 3000 Tote.
Dazu Kollege Zehnder: «Stellen Sie sich vor, ein Terrorist würde jedes Jahr in der Schweiz 3000 Menschen umbringen. Was würde geschehen? Natürlich würde eine nationale Krise ausgerufen … Nun ist es tatsächlich so, dass jemand in der Schweiz jedes Jahr 3000 Menschen umbringt. Bloss ist es kein islamistischer Terrorist, den man einsperren kann, es ist –die Luftverschmutzung. Eine Studie des Bundesamts für Raumentwicklung ARE kommt zum Ergebnis, dass wegen der Luftverschmutzung vor allem durch Feinstaub in der Schweiz jährlich rund 3000 Personen vorzeitig sterben.
Vielleicht scheint es, ich hätte hier einiges durcheinandergebracht: Hurrikane, Terroristen, Blitzschläge, Motoren … Doch sie haben einiges gemeinsam: die mangelnde Verhältnismässigkeit der Berichterstattung in den Medien.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant