Glaube ohne Jenseits-Hoffnung
Roland Hinnen, mein kürzlich verstorbener Freund – er hat oft meine Blogs kommentiert – gestand in einem längeren Beitrag, der von der österreichischen Laien-Initiative veröffentlicht wurde, dass er nicht mehr an ein «Leben nach dem Tod glauben konnte. Trotzdem war er ein gläubiger Mensch. Wie geht das zusammen? Die Antwort liegt im «Reich Gottes», das im Zentrum der Botschaft Jesu steht. Sein Beitrag ist ein Gegengewicht zu einem Glauben, der sich auf das Jenseits beschränkt und das Diesseits vernachlässigt. (Hier sein stark gekürzter Beitrag.)
Matthäus hat mit seiner Umbenennung von «Reich Gottes» in «Himmelreich», vom Diesseits ins Jenseits, der Kirche einen verhängnisvollen (Holz-) Weg eröffnet. Zusammen mit der paulinischen Christologie hat sich das Interesse der Christenheit vom Diesseits ins Jenseits gewendet, von der Veränderung der hiesigen Verhältnisse in die kompensatorische Belohnung im Jenseits, nicht Beheimatung im Hier und Jetzt, sondern «unsere Heimat ist im Himmel». Das konkrete Christenleben, die Umgestaltung der Erde in die Lebensordnung Jesu, ist halt härter…
«Das für Jesus zentrale und zugleich säkulare (weltliche rh) Reich-Gottes-Programm wurde gegen eine Christologie ohne Reich-Gottes-Inhalt eingetauscht.» (Hubertus Halbfas) Statt Arbeit am Diesseits Hoffnung aufs Jenseits. (…)
Der Christ lebte eigentlich nur noch für dieses postulierte Jenseits, seine Heimat war im Himmel. Mit seinen guten Werken sammelte er sich Lohn im Himmel an. Die Sakramente wurden zu Hilfsmitteln fürs Jenseits. Der eigentliche Jesus, sein paradigmatisches Wirken und seine dazu parallele Botschaft verschwanden aus dem Gesichtskreis. (…)
Was jenseits unseres Todes allenfalls mit uns Menschen passiert, kann uns gleichgültig sein. Wichtig ist, ob wir unser gemeinsames Leben hier und jetzt menschenwürdiger, menschenfreundlicher, liebenswerter machen. Und da bin ich überzeugt, dass die Nachfolge Jesu ein guter Weg ist. Jesus nennt diese Lebensordnung Reich Gottes. (…) Ich gehe (!) überzeugt in dieser Nachfolge Jesu, zähle mich zu seiner Gemeinschaft. Im Verlauf meiner ständigen Auseinandersetzung bin ich wohl zu jener Schicht der christlichen Tradition vorgestossen, die dem ursprünglichen Jesus am nächsten kommt. (…)
Was meint denn inhaltlich «Glaube», wenn es kein Jenseits gibt? Jesus hat gelehrt «Dein Reich komme!» und nicht «Lass uns in Dein Reich kommen!» Die Bergpredigt zielt auf die Veränderung der hiesigen Menschenwelt (auch wenn mich der ständige Hinweis des Matthäus auf den Lohn nervt). Das Reich Gottes ist für die Menschen hier vorgesehen, durch unser Sein und Wirken, inspiriert von Jesus und seiner Botschaft. Das gibt unserem Leben als Christ genügend Sinn, auch falls die Auferweckungshoffnung sich als Illusion erweist. (…)
Man kann den Tod als definitive Grenze des Lebens akzeptieren und trotzdem und zugleich an Gott glauben. Jesus von Nazareth ging es darum, mit seinem Leben, seinem Verkünden und Wirken das Leben seiner Zeitgenossen in Galiläa menschenfreundlich umzugestalten. Wer im Geist seiner Bergpredigt lebt und wirkt, verändert sich und die Umwelt zum Guten. Das Reich Gottes, das er verkündigt hat, meint die Umgestaltung der hiesigen gesellschaftlichen Verhältnisse zu einer lebens- und menschenfreundlichen Welt. Es zielt auf die irdische Verwirklichung der Gerechtigkeit Gottes für alle Menschen, besonders die Kleinen, durch solidarisches Handeln. Die erste Generation nach Jesu Tod, die Wanderpropheten, hat weder Jesu Erlösungstod noch seine Auferweckung verkündet, sondern die bereits gekommene Herrschaft Gottes als Heil der Menschen. Christsein in der Nachfolge Jesu ist auch ohne Jenseits- und Auferweckungsglauben möglich und sinnvoll. {nach Andreas Benk in Publik-Forum 13(2016)34-35}
Das Reich Gottes meint nicht ein Gebiet, sondern Gottes Souveränität. Es zielt nicht auf eine jenseitige Welt, sondern meint die alltägliche und konkrete Welt, in der sich die Menschen je und je befinden. Das Reich Gottes ist schon «mitten unter euch». Während alle Apokalyptiker das Reich Gottes mit der Zukunft oder der Endzeit verbanden, «betonte der historische Jesus: Jetzt ist die Zeit der Hochzeitsfreude. Die Saat ist bereits ausgestreut. Das Gastmahl steht schon bereit. Der Schatz liegt im Acker. Der Satan ist gestürzt. Diese Botschaft ist sein Evangelium.» Das Reich Gottes ist ein Prozess, der bereits begonnen hat und sich entfaltet. Die Zeit der Gottesherrschaft ist das Hier und jetzt. Das Reich Gottes als ein Prozess offener , egalitärer Tischgemeinschaft, als jedem zugängliche Mahlgemeinschaft. (Hubertus Halbfas in «Der Glaube»)
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant