Als ich bei meiner Arbeitsstelle ankomme, ist die Security gerade dabei, die Polizei zu rufen. Vor einer Woche habe ich als Sozialberaterin für ein Flüchtlingsheim im Münchner Umland angefangen, gestern war ich zum ersten Mal allein, ohne meine Arbeitskollegin mit viel Erfahrung, dort. Und bin gerade dazugekommen, als einige feierfreudige Flüchtlinge Probleme mit dem Akoholverbot auf dem Gelände hatten (in dieser Hinsicht schon gut in Bayern inkulturiert). Am gleichen Nachmittag gibt es noch einen weiteren Zwischenfall mit recht aggressiver Stimmung, zum Glück ist das nicht der Normalverlauf dieser Arbeit. Aber das einzige Mal wird es wohl auch nicht bleiben.
Ein paar Stunden später bete ich in der Kapelle der Gemeinschaft, wo ich jetzt lebe, das Abendgebet – ich singe Psalmen, in einer sehr aufmerksam (achtsam, sagt man wohl heute) gestalteten Umgebung. In einer Welt, wo der Nachmittag sehr weit weg zu sein scheint. In gewisser Weise lebe ich zur Zeit im Spagat: der eine Fuss im Flüchtlingsheim, der andere in dieser Umgebung. Und dabei konnte ich noch nie einen Spagat, der ist eine ganz schön anstrengende Sache, wie ich zur Zeit auch merke.
Spannend daran: Ich versuche ja, Gott in beiden dieser Welten zu finden. Und merke, ich suche, orientiert an zwei verschiedenen Gottesbildern: In der Gebetszeit ist es ein eher abstraktes Bild von Gegenwärtig-Sein, in der Arbeit meine ich, ich müsste doch Jesus unter uns erkennen können – beides übrigens mit mässigem Erfolg. Aber Gott ist ja derselbe, ob ich schöne Psalmen singe oder bei den Flüchtlingen bin. Ich habe die Vermutung, wenn ich meine beiden Gottesbilder mehr zu einem zusammenbringen kann, dann könnte ich auch das Gefühl verlieren, jetzt im Spagat zu leben, den ich doch gar nicht kann.
Karin Reinmüller
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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