darf sich der Schreibende nun seiner liebsten Trilogie widmen. Nicht nur habe ich alle drei «godfather»-Filme in der restaurierten Fassung wieder kreuz und quer durchgesehen, sondern zusätzlich auch noch Mario Puzos Roman, der am Anfang der ganzen monumentalen Idee stand, erstmals (!) gelesen. Es ist erstaunlich, wie wortgetreu der ganze erste Film und der Bericht zu Don Vitos Jugend im zweiten Film dem Roman entsprechen. Noch erstaunlicher scheint mir, dass man diesem eher schwerfälligen, ja über Strecken etwas langweiligen Buch den Erfolg, den da die Filme bewirkten, noch nicht anschmeckt. Hier liegt ein völlig anderer Fall vor als etwa bei fast allen Stephen-King-Verfilmungen (ausgenommen: «Stand by me», «The Shawshank redemption» und natürlich «The shining»), bei denen die Filme die Atmosphäre und den (grusligen wie anderen) Zauber der Vorlage regelmässig zerstören. Puzo schreibt, selbst wenn er von Mord, Sex und Totschlag berichtet, seltsam distanziert und quasi akademisch uninteressiert (schönes Beispiel: beim missglückten Anschlag auf Don Vito berichtet er uns, dass zwei Kugeln den Paten im Allerwertesten trafen – das ist nun nicht riesig gruselig…). Beim Verfassen der Drehbücher für Coppola muss er dann aber heftig aufgedreht haben, oder Coppola hat ihn einfach mehr gefordert – chi sà?
Der wahre Zauber aller drei Filme kommt für mich in den «Sizilien»-Teilen auf. Die Schönheit der Landschaft und der Musik, die Wucht der archaischen Bräuche wie der Blutrache und omertà und die gesellschaftliche Welt des Patriarchats und der Familienehre – alles verbindet sich zu einem völlig einsichtigen Ganzen. Pietro Mascagnis «Cavalleria rusticana» wurde nie schöner interpretiert als hier! Nicht umsonst will der alternde und diabeteskranke Don Michele im dritten Teil seine schon längst verlorengegangener Frau Kay mit einem Ausflug zu zweit nach Corleone zurück gewinnen.
Spannend für uns Kirchenleute dann natürlich die überdeutlichen Anspielungen auf den mysteriösen Tod von Johannes Paul I., auf das finanzspekulative Treiben des Erzbischofs Marcinkus in der Vatikanbank und auf die Geheimloge P2 (hier eindeutig zugespitzt auf Giulio Andreotti alias Don Lucchesi) im finalen Teil. Und ich hätte mir gewünscht, dass gewisse drastische Film-Szenen wirklich so abgelaufen wären: Marcinkus wird im violetten Messgewand für die Trauerfeier des Papstes von der Treppe geschossen, und Lucchesi/Andreotti mit der eigenen Stahlbrille erstochen – so schön und so gerecht). Zudem ist da dann der theologisch spannendste Teil: Das Beichtgespräch zwischen Don Michele und Kardinal Lamberto (alias Luciani). Die Vergebung, selbst vom Verbrechen des Brudermordes, wird erteilt, allerdings mit dem resignierten Zusatz des Beichtvaters «Du wirst Dich nicht ändern, mein Sohn».
Wenn man Italien, die Oper und den Katholizismus liebt, ist man mitten in diesen Dutzenden von Leichen immer am richtigen Ort. «Ineggiam, il signor non è morto, ineggiam al Signore risorto oggi asceso alla gloria del ciel!»
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant