Die Pilotin und die Gender-Forschung

Ich sitze im Flugzeug. Eine weibliche Stimme aus dem Cockpit begrüsst uns: «Hier spricht Ihre Pilotin Christine X.» Neben mir sitzt eine Frau, die keineswegs ein konservatives Frauenbild hat. Sie meint spontan: «Kann sie das, ein so grosses Flugzeug steuern?» Bald schämt sich meine Nachbarin für ihre Skepsis. Sie ist übrigens mit ihren Gefühlen keineswegs allein. Im letzten SPIEGEL gestand die Tatort-Kommissarin Maria Furtwängler, sie habe sich bei einer solchen Ansage gefragt, wie sie am schnellsten wieder aus dem Flugzeug rauskäme.

Liege ich falsch, wenn mir dies beim Verfassen meines Blogs über «Gender» einfällt? Ich nehme hier das Thema auf, weil es mich stört, dass kaum eine Woche vergeht, ohne dass gegen Gender-Studien polemisiert wird, in den Leserbriefspalten von Pfarrblättern bis hin zu Papst Franziskus.

Hier kann ich keine eigenen Erkenntnisse referieren. Ich habe bloss einige kath.ch-Meldungen der letzten Monate durchgesehen, die dem Thema «Gender» gerecht werden. So meint Regula Ott vom Frauenbund/SKF, bei den Genderstudien gehe es darum,  die Geschlechterzuordnung zu hinterfragen, damit Kinder die Möglichkeit haben, sich nach ihren Fähigkeiten zu entwickeln und nicht nach Vorstellungen davon, wie Buben und Mädchen sein müssen. Damit sind wir wieder bei der Flug-Kapitänin …

Mitte März durfte ich mich näher Gender befassen, anlässlich der Übergabe des Herbert Haag-Preises an die kroatische Franziskanerin Jadranka Rebeka Anic. In ihrer Festrede wie auch in mehreren Interviews hat sie kurz und knapp die Anliegen der Genderstudien skizziert.

«In den Wissenschaften meint Gender Merkmale, die man Männern und Frauen zuschreibt. Diese sind in verschiedenen Kulturen unterschiedlich, und sie verändern sich auch innerhalb einer Kultur. Ausserdem wird Gender als eine Analysekategorie benutzt, um zu zeigen, wie diese Merkmale konstruiert werden und welche Folgen dies auf das Leben von Frauen, aber auch von Männern hat.»

Schwester Rebekka beklagt sich, besonders auch in der katholischen Kirche massenhaft Vorurteile verbreitet werden: «Anti-Gender-Autoren sowie einige Bischöfe und Bischofskonferenzen nutzen das Wort Gender wie einen leeren Korb, in den man alles werfen kann, was man als gefährlich betrachtet. So heisst es zum Beispiel, bei Gender gehe es um Abtreibung, Pädophilie, Unzucht, Sodomie oder auch um Euthanasie und Eugenik.»

Nochmals Regula Ott, Leiterin des Bereichs Bildung, Ethik und Theologie beim Schweizerischen Katholischen Frauenbund: Sie betont, das Hauptziel der Genderforschungen sei es, «die Welt gerechter zu machen, indem sie Geschlechtervorurteile zu verhindern oder zu reduzieren versuchen.»

Diesbezüglich ist gerade auch in der Schweiz noch sehr viel zu tun. Darum sagte ich Schwester Rebeka, als sie mich am Rande der Preisverleihung nach Kroatien einlud: «Besser wäre es, du kämest wieder einmal in die Schweiz. Wir brauchen deine Entwicklungshilfe!»

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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