Wie ist es, der ersten Liebe nach Jahrzehnten wieder zu begegnen? Eine bange Frage nicht nur, wenn es um eine verflossene Sandkasten- oder Teenie-Liebe geht, sondern auch wenn man(n) dem allerersten Erwachsenen-Theaterstück wieder begegnet, quasi dem Stück der Initiation und eines heftigen Erwachsen-Werdens. Im Fall des Rezensenten handelt es sich nun um ein «frühreifes» Erlebnis im zarten Alter von 14 Jahren und um Franz Léhars Spätwerk «Das Land des Lächelns», 1929 in Berlin uraufgeführt. Genau diese Operette haben nun Intendant und Regisseur Andreas Homoki und Chefdirigent Fabio Luisi auserwählt, um in Zürich ein neues Kapitel zu beginnen. Spannung und Aufregung waren dementsprechend enorm, und erst Léhars extensive Ouvertüre vermochte sie zu lindern.
In seinen späten Werken ändert sich bei Franz Léhar ein Doppeltes: Er nimmt Abschied vom klassischen Operettenschema (1.Akt: grosse Liebe, 2.Akt: grosser Krach, 3.Akt: schnelles Happy-End) und lässt die Handlung tragisch enden, und er verwendet eine ausladend üppige Orchestrierung irgendwie im Graubereich zwischen Verismo und Hollywood. So war im Zürcher Orchestergraben auch das grosse Aufgebot anwesend, und Maestro Luisi liess gründlich krachen und walzern, was da komponiert war.
Auf der Bühne schwang Andreas Homoki (gottseidank! – es wäre auch Schlimmes möglich gewesen) die grosse Kitsch- und Emotionenkelle; in einem Salonraum der Dreissiger Jahre und vor wechselnden Farbwellen erlebten wir die so unsäglich traurige Geschichte der zwei Königskinder – eines aus Wien, eines aus China – die aus kulturellen Unterschieden nicht zueinander finden können. Bilder aus alten Märchen tauchten da auf, etwa wenn Sou Chong zum Schmalzer «Von Apfelblüten einen Kranz» rote Rosen an alle Damen des Chores verteilt. Das Buffopaar übernahm dankbar den lustigen Part; die Primadonna durfte leiden, als wäre sie ein Mittelding von Norma und Tosca. Einfach nur herrlich und wunderschön! Der (mehrheitlich unerträglich doofe) Sprechtext wurde radikal gekürzt, das tat der Sache zusätzlich gut.
Bei den Hauptrollen ist «Das Land des Lächelns» allerdings ein etwas undankbares Werk, ausser für einen natürlich. Der junge Amerikaner Spencer Lang (der Hirt aus dem «Tristan»!) war der tollpatschige Graf Gustl, der zusammen mit Rebeca Olvera (der Adalgisa aus der «Norma»! – was für ein Luxusproblem hat Zürich da) als Prinzessin Mi für uns den herrlichen Kalauer «Meine Liebe, deine Liebe» singen durfte. Als Lisa stand die Mozart-erfahrene Julia Kleiter im Einsatz, etwas steif, aber edel und mit einer leichten Schärfe im Ansatz, die gut zur Figur passte. Doch alle waren unwichtig, denn auf die drei Arien und das grosse Duett kommt es hier an, die Franz Léhar Richard Tauber damals gezielt auf Stimmbänder und Timbre geschrieben hatte. Die Partie des Sou Chong erfordert Glanz, Höhe und naturgeschenktes Sentiment. Und Weltstar Piotr Beczala hat das alles ausreichend von Mutter Natur geschenkt bekommen (darum ist er auch der perfekte Rodolfo in «La Bohème»). Am besuchten Abend war er der Star und nahm im Wissen um sein Können unsere Huldigungen lächelnd entgegen.
Kommen wir nun zum moralisierenden Teil jeder Kritik dieses Werkes, aufgrund der aktuellen Weltlage sogar irgendwie geboten (wenn auch die Frage sein darf: Müssen wir das Gehirn denn ständig einschalten?). Homoki enthält sich während der ersten beiden Akte jeglicher Aktualisierung oder Problematisierung. Wir könnten uns vorstellen, dass genau so auch eine Beziehung zwischen einem Christen und einer Muslima scheitern kann. Und das Scheitern ist zwar traurig, aber einleuchtend. Und dann- fünf Minuten vor Zwölf – stellt er doch noch alles in Frage, nicht am Beispiel von Sou Chong und Lisa, aber an dem von Mi. Plötzlich wird aus der hübschen Chinesenprinzessin ein Strassenmädchen aus Bangkok, das von einer gierigen Horde alter Lustmolche begafft wird. Und plötzlich sind wir, nur für vier kurze Minuten, nicht mehr im «Land des Lächelns», sondern im Finale der «Butterfly». Wenn die Frau Opfer ist und nicht wie Lisa autonom handeln kann, dann sieht es auch heute noch ganz anders aus. Kaum eine Kritik hat das bemerkt, ich bin einigermassen erstaunt. Das Finale danach gehört wieder dem puren Kitsch – die Tränen durften fliessen.
Fazit: Wird nächste Saison in der gleich guten Besetzung, also mit Beczala, wieder aufgenommen. Hingehen – so gute Operette gibt es nur noch alle zehn Jahre irgendwo im deutschsprachigen Raum.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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