Nach einem gewichtigen und auch den Schreibenden fordernden Dreiteiler und entsprechend der Grundverfasstheit des homo non semper sapiens im alljährlichen Sommerloch kehre ich nun gerne in die Niederungen des alltäglichen Umgangs mit den schönen Kleinigkeiten des kulturellen Lebens zurück und schreibe hier während der Ferienzeit zu Büchern und Theateraufführungen.
Es sei hiermit begonnen: Nach seiner zehnteiligen Reihe über den einsamen Wolf Harry Hole, einen meist betrunkenen aber doch rechtschaffenen Kriminalisten aus Norwegen mit einem seltsam masochistischen Hang zur Selbstverstümmelung, ging der Autor Jo Nesbø zu neuen Themen und neuen Helden bzw. Anti-Helden über. Durch meine Juni-Ferien begleitete mich sein zweitletztes Werk, der Krimi-Thriller «Der Sohn». Und ich las dieses Buch mit wachsender Faszination sicher insgesamt dreimal durch, mal von vorn nach hinten, mal umgekehrt, mal in der Suche nach den Querverweisen, die der Autor boshaft und klug zugleich all überall verpackt hat. Noch spannender machten mir die Sache im Net gefundene Kommentare von Lesenden, die sich beklagten, dass Nesbø zunehmend (beginnend mit den zwei letzten Hole-Romanen, «Die Larve» und «Koma») den Täter entkommen lasse und so eine neue Sicht von Gerechtigkeit aufbaue.
Ja genau das macht er wirklich hier in «Der Sohn». Sein «Held» Sonny, der zum Ende glatte zwölf Böse zur Strecke gebracht hat und mit seiner Liebsten unerkannt in den Honeymoon aufbricht, ist eine Mischung aus dem «lonely rider» aus alten Western, Charles Bronsons Selbstjustiz-Gestalten und einem alttestamentlichen Rächer-Propheten. Entweder ärgert man(n) sich über so einen Plot oder man liebt ihn. Ich liebe ihn über alles: Endlich wird den bösen und korrupten Gestalten der Garaus gemacht, und dann noch in symbolischer Art und Weise, dass jede/r kapiert, wer da was angestellt hat. Endlich findet wahre Liebe ihr Glück, ohne dass der grausame Verfasser (was Nesbø in der Hole-Reihe ständig tat) uns jegliche Illusion raubt.
Ich verrate Ihnen, liebe Lesende, nicht mehr zum Inhalt. Wenn Ihnen so ein Sujet passt, dann lesen Sie nun selber und finden Sie selber heraus, wer der von Anfang an gesuchte Verräter ist und wie er endet. Zweierlei sei verraten: Er wird nicht Sonnys dreizehntes Opfer und stirbt doch. Und: Biblische Namen kann man auch symbolisch verstehen.
Es bleibt eine Anfrage an den Autor: Meint er wirklich, dass westliche Gesellschaften so überaus korrupt und dies in einem dicken Geflecht zwischen Politik, Justiz, Polizei und Mafia-Unterwelt sind, oder passt ihm einfach dieses Klischee für seine Geschichten?
Also denn: Jo Nesbø. Der Sohn. 14.11.2014. Ullstein
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant