Es handelt sich hier – theologisch gesprochen – um nichts weniger Wichtiges als die Anerkennung der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, eine Grundformulierung christlicher Anthropologie. In einer Weiterführung der dazu zentralen Gedanken in der Genesis und im Galaterbrief verstehen wir jeden einzelnen Menschen als konkretes Individuum, mit seiner Persönlichkeit, seiner Biografie und seinem Charakter, als Abbild des Ewigen. Wert und Würde erwachsen aus diesem Gedanken, ebenso hohe ethische Anforderungen an das Zusammenleben in der Gemeinschaft und das konkrete Handeln des Einzelnen. Die Goldene Regel bzw. Kants Kategorischer Imperativ etwa sind nichts Anderes als ethische Minimalforderungen, die sich aus diesem Gedanken ergeben.
Nun scheint dies alles klar. Ich habe schon unzählige hehre Reden und Predigten gehört, die dazu Paulus zitiert haben: Vor Gott geht es nicht darum, ob man Mann oder Frau, Jude oder Römer, Sklave oder Freier ist, alle sind die zur Freiheit geführten Kinder Gottes. Lautet der Satz dann aber: Vor Gott geht es nicht darum, ob eine/r hetero oder homo ist, dann ist es vorbei mit den hehren Reden und den schönen Worten, dann ist plötzlich gar die Schöpfungsordnung gestört bzw. bedroht. Der Katechismus und zum Teil auch die aktuelle kirchliche Lehre versteigen sich zur annähernd perversen Argumentation, dass diese Gottesebenbildlichkeit auch bei Homosexuellen zwar gegeben ist, dass sie aber kein entsprechendes Sexualleben haben dürfen (wegen der mangelnden Fähigkeit, Nachkommen zu erzeugen, denke ich mal), und man ihnen deshalb mit einer Mischung aus Mitleid und Milde zu begegnen habe. Das ist übel, und Rosa von Praunheims berühmtes Diktum, das ich nicht nochmals zitieren will, bekommt wieder recht.
Es sei deshalb klar und deutlich (schöpfungs)theologisch formuliert: Homosexualität ist eine spezielle Art der gottgewollten Ordnung von Schöpfung und Welt. Auch Homosexuelle sind in ihrer Grundverfasstheit Abbilder des Ewigen. Eine Beziehung zweier homosexueller Menschen, die auf den biblisch-ethischen Werten von Liebe, Verantwortungsbereitschaft, Treue und Fürsorge basiert, ist gottgewollt und gottgesegnet. Ebenso wie bei Heterosexuellen gilt: Eine Beziehung hingegen, die auf Abhängigkeit, Egoismus und blosser Lustbefriedigung basiert, entspricht nicht dem Schöpfungsplan Gottes.
Zum Schluss dieser zweiten Argumentation noch dies: «Geht hin und vermehret Euch». Okay, steht auch in der Bibel. Aber: Warum wird dies rein physisch-biologisch verstanden? Meines Wissens befinden sich etwa unter den grossen Künstlern und Komponisten überdurchschnittlich viele Homosexuelle, aber auch unter Menschen in Pflege- und Seelsorgeberufen. Und die haben der Menschheitsfamilie Wichtiges geschenkt. Die blosse Befähigung zur physischen Reproduktion ist doch nicht Grund zur Bevorzugung.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant