Taizé III Werden wie die Kinder

Nennen wir sie Ronja. Sie dürfte etwa vier Jahre alt sein. Das erste Mal habe ich gesehen, als ich in Taizé beim Abwasch im Erwachsenenbereich war. Sie sass vor dem offenen Fenster und ich hatte nasse Hände vom Abwasch. Spontan spritzte ich sie ein wenig nass. Sie lachte und sprang davon. Kurze Zeit später stand sie im Abwaschraum und erklärte uns auf Französisch, dass sie mitarbeiten wolle. So stand sie mit uns an einem der Spültröge und holte gewaschenes Geschirr aus dem Wasser, um es zum Trocknen aufzustellen. Dass sie dabei noch weniger trocken blieb als wir anderen, machte nichts, es war heiss genug, sodass die Kleider schnell wieder trockneten. Irgendwann hat ihre Mutter sie abgeholt.

Wie geht beten?

Am nächsten Nachmittag sass ich in einer ruhigen Stunde in der Kirche im Gebet. Da kam Ronja wieder, allein, sie schaute sich genau an, wie ich dasass, holte sich ebenso einen Holzschemel und versuchte, wie ich darauf zu sitzen, was aufgrund ihrer kurzen Beine etwas schwierig war. Als sie einigermassen bequem sass, winkte sie ihrer Mutter, die ich noch gar nicht wahrgenommen hatte und ihre Mutter setzte sich neben sie. Ronja faltete die Hände und schaute nach vorn. So gern hätte ich sie gefragt, was sie dem lieben Gott gerade erzählte… Ich stelle mir ein Gebet vor, wie es Anna gesprochen hat in «Hallo Mr Gott, hier spricht Anna». Kurze Zeit später verliess sie mit ihrer Mutter die Kirche wieder. Sie winkte mir dabei fröhlich zu.

Abends war sie wieder da zum Abwasch. Dieses Mal half auch ihre Mutter. Und als Abschluss spielten wir noch eine kleine Schaumschlacht.

Das Licht weitergeben

In der Samstagabend-Liturgie hat sie mit anderen Kinder zusammen das Licht in der Kirche weitergegeben. Ich sah sie nur kurz bei den Brüdern – ihr Gesicht leuchtete fast heller wie die Kerze in ihren Händen.

Die Natürlichkeit und Direktheit dieses Kindes beeindruckten mich. Sie wusste immer genau, was sie wollte. Und setzte es dann auch um. In den Tagen in Taizé war ihre Mutter immer irgendwo im Hintergrund, hat ihr Sicherheit gegeben. Ob sie das auch im Alltag so leben können, weiss ich nicht.

Später sprach mich noch eine meiner Abwaschkolleginnen an, ob ich denn Ronja besser kennen würde. Als ich verneinte, meinte sie abschätzig: «Also, der Erziehungsstil der Mutter ist aber arg laissez-faire!» Ich antwortete lächelnd, dass mich die direkte Art von Ronja sehr berührt hätte und so ihr ganzer innerer Reichtum zum Vorschein kommen könne. Ob es denn immer Erwachsene geben müsse, die Kinder reglementieren? Da hörte ich den Seufzer einer Lehrerin: «Aber wenn du in der Gruppe nicht nur ein solches Kind hast, sondern mehrere, wie soll das dann gehen?»

Mich macht das Gespräch nachdenklich. Wenn Kinder nicht mehr spontan und direkt sein können, ist dann was an den Kindern oder an unserem Schulsystem falsch?

Das Leben als ein grosses Spiel

Die letzte Begegnung mit Ronja hatte ich am Sonntagmorgen am Schluss des Gottesdienstes. Ein paar Menschen verliessen früher die Kirche – und plötzlich entdeckten wir, dass wir ganz nah nebeneinandergesessen hatten, ohne uns vorher zu sehen! Welch ein Zufall bei mehreren Tausend Menschen in der Kirche! Während es um uns herum sang, klaute Ronja mir meine Schuhe und wollte sie am Liebsten als Andenken mitnehmen. Zum Glück konnte ich sie davon überzeugen, dass ich nicht in die Schweiz zurückkehren könne ohne Schuhe. So verabschiedeten wir uns mit einer Umarmung.

«Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder» sagt Jesus. Ronja als Beispiel – einfach anpacken und mithelfen, einfach genau hinschauen und dann mal ausprobieren, dem Herzen folgen und das Leben in ein Spiel verwandeln. Danke, Ronja, für deine Lektion in Lebenskunst und Vertrauen!

 

Bettina Flick

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.blogs-kath.ch/taize-iii-werden-wie-die-kinder/