Am Mittwochabend vor Auffahrt kommen wir nach 7 Stunden Fahrt an – rechtzeitig zum Abendgebet. Die Gesänge in der Kirche heissen uns willkommen.
Nunc dimittis, servum tuum, domine, secundum verbum tuum in pace
(Nun lässt du, Herr, deinen Diener nach deinem Wort in Frieden scheiden.)
Nach dem Gebet heisst es erstmal: Warten. Warten auf die Einführung. Warten auf die Essensbons. Warten auf die Zimmerverteilung. Endlich weiss ich die Nummer meiner Baracke und gehe los. Am anderen Ende des Geländes finde ich die Baracke – aber sie ist verschlossen. Ich gehe zurück zum «casa», wo man mir sagt, ich müsse ins «El Abiodh», «but hurry up, it’s late!». Dieses «hurry up» ärgert mich – ich bin schliesslich schon vor 3 Stunden angekommen und seither am Warten. Im El Abiodh bekomme ich die Auskunft, die Baracke sei inzwischen offen. Ich werfe mich nur noch aufs Bett und hoffe, bald einzuschlafen. Der Frieden des Abendgebetes ist schon lange vergangen.
See, I am near, says the Lord, see, I make all things new.
(Seht, ich bin nahe, spricht der Herr, seht, ich mache alles neu)
Mit dem Morgengebet tauche ich neu ein in den Frieden und in die Ruhe, die ich in Taizé so schätze.
In der Stille lege ich einen Streit, der mich belastet, im Gebet vor Gott. Zwei Tage vor der Fahrt hatte ich mit einem guten Freund gestritten. Ein kleiner Anlass, wir waren nicht gleich miteinander einverstanden und plötzlich kamen von beiden Seiten Vorwürfe und schon länger Zurückliegendes, das anscheinend noch nicht wirklich verarbeitet war. Vor der Fahrt hatten wir keine Möglichkeit mehr, uns neu zu begegnen. So lastet der Streit noch auf mir und begleitet mich zwei Tage lang in den Gebeten.
Jésus, le Christ, lumière intérieure, ne laisse pas mes ténèbres me parler.
Jésus le Christ, lumière intérieure, donne-moi d’accueillir ton amour.
(Jesus Christus, inneres Licht, lass nicht zu, dass meine Dunkelheiten zu mir sprechen.
Jesus Christus, inneres Licht, hilf mir, deine Liebe zu empfangen.)
Inzwischen habe ich meinen Stammplatz in der Kirche in der Nähe der «Ikone der Freundschaft». Auf dieser Ikone legt Jesus dem Abba Menas neben ihm die Hand auf die Schulter. Beide Männer sind «auf Augenhöhe». Diese zärtliche Geste Jesu berührt mich.
Die Erinnerungen an den Streit sind noch sehr wach. Immer mehr erkenne ich meine Anteile an diesem Streit. Es tut mir leid. Manchmal laufen während des Gebets Tränen über mein Gesicht. Immer wieder halte ich den Schmerz Christus hin.
Heureux qui s’abandonne à toi, ô Dieu, dans la confiance du cœur.
Tu nous gardes dans la joie, la simplicité, la miséricorde.
(Glücklich, wer sich dir anvertraut, o Gott, im Vertrauen des Herzens.
Du bewahrst uns in der Freude, der Einfachheit, der Barmherzigkeit.)
Und plötzlich geschieht es. Freude erfüllt mein Herz. Der Schmerz ist abgefallen. Freude, Vertrauen und Zuversicht erfüllen mich. Dankbar stimme ich ein in den Jubelgesang im tiefen Wissen, dass alles gut ist.
Jubelt und freut euch über den Herrn, er hat Großes an uns getan,
Jubelt und freut euch, fürchtet euch nicht. Alleluja, alleluja.
Bettina Flick
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant