Ein Jahr nach dem Tod des Heiligen hielt Pfarrer Walther Tuob die Zeugenaussagen seiner nächsten Gefährten im Sachsler Kirchenbuch fest. Heyni (Heimo) Amgrund, Pfarrer von Stans, wohl der wichtigste geistige Ratgeber des Eremiten, gibt darin Auskunft über dessen frühesten Visionen, die er ihm anvertraute. So vertrauenswürdig die Quelle ist, so phantastisch erscheint uns das darin Behauptete:
Klaus habe «im Mutterleib, also noch vor der Geburt, am Himmel einen Stern gesehen, der die ganze Welt erleuchtete, und er habe, seitdem er im Ranft wohnte, einen Stern gesehen, der ihm ähnlich sei, so dass er schliesslich bei sich selber meinte, es müsse wohl der gleiche Stern sein». Zudem habe er «einen grossen Stein gesehen», den er als «Beständigkeit und Zuverlässigkeit seines Wesens» deutete und «das heilige Öl».
Dann habe er auch bei seiner Geburt Mutter und Hebamme erkannt und «gesehen, wie er zur Taufe getragen wurde, durch die Ranftschlucht hinüber nach Kerns, dies mit einem solchen Bewusstsein, dass er es nie mehr vergessen konnte … Gleichzeitig habe er auch einen alten Mann gesehen, neben dem Taufbecken, den er nicht erkannte, aber den Priester, der ihn taufte, den habe er erkannt».
Wie auch immer man sich das vorzustellen hat; Tatsache ist, Niklaus hatte in späteren Jahren ein klares Bewusstsein, schon immer, bereits im Mutterleib, eine Bestimmung gehabt zu haben. Und er wurde zusehends fähiger, Visionen und Auditionen, die ihm widerfuhren, als Sprache zu deuten, mit der Gott zu ihm sprach.
Dass ein ungebildeter Laie in verwaister Pfarrei der rauen Eidgenossenschaft des ausgehenden 15. Jahrhunderts ein Bewusstsein seiner eigenen Taufe ausbildet, ist höchst bemerkenswert. Es nimmt eine Tauftheologie vorweg, die später durch die Reformatoren virulent und katholischerseits eigentlich erst durch das Zweite Vatikanische Konzil eingeholt wird. Im Bild vom Stern erkennt Niklaus von Flüe seine Berufung, im Stein deren Beständigkeit. Im Durchzug durch die Ranftschlucht vollzieht er den Exodus, das Untergehen und Auferstehen, das in der Taufe auf Christi Tod und Auferstehung sodann rituell geschieht. Mit dem heiligen Öl wird er zum priesterlichen Menschen gesalbt. Klaus hat aus der Taufe gelebt.
Fr. Peter Spichtig op
Literatur: Sachsler Kirchenbuch 1488; Von Franz, 16–25.
Bruder Klaus und Gefährten
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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