In den vergangenen Wochen erschienen auf den Kulturseiten diverse Artikel zu einer neuen (und den Schreibenden äusserst beglückenden) Entwicklung in der Opernwelt, die etwas plump unter dem Oberbegriff «Retro» abgehandelt wird. Gemeint ist ganz einfach, dass es nicht ständig neue Inszenierungen von altbekannten Werken des Repertoires braucht, sondern dass es in der Theatergeschichte der letzten Jahrzehnte Inszenierungen gab, die es eigentlich würdig wären, auf lange Zeit fortgeführt zu werden. Man(n) könnte dann nämlich auch die Lohnkosten für den/die Regisseur/in und das neue Bühnenbild sparen und müsste das zweite nur gelegentlich etwas auffrischen. Zudem würde man das Publikum nicht ärgern und keine Buhstürme zu Ende des Premierenapplauses provozieren.
Als aktuelle Beispiele für «Retro-Inszenierungen» wurden genannt: die Wiederaufnahme der alten Karajan-Inszenierung der «Walküre» in Salzburg und das Zurückgreifen an der Mailänder Scala auf die opulent-historisierende Inszenierung von «La Traviata» von Liliana Cavani. Beide fanden volle Zustimmung bei den Interpreten/innen und beim Publikum. In der Sprache der momentanen Diva Assoluta, Donna Anna, sind dies nämlich noch «sängerfreundliche» Inszenierungen, Inszenierungen, die von ihnen nicht Turnübungen verlangen oder ihnen ein unpassend-hässliches Kostüm anhängen.
Es wurde dann auch Herr Homoki gefragt, was er von dieser Idee halte. Natürlich hält er nichts davon, sondern hielt an seinem Prinzip fest, das bedauernswerte und schwer zahlende Publikum mit «Neo-Inszenierungen» der hässlichsten Art zu quälen. Ich habe hier schon mehrfach gewarnt: Wer in der Mehrheit solche Neu-Inszenierungen bringt, bewirkt etwas völlig Kontraproduktives: Die Besucher werden ausbleiben, die Kassen werden weniger klingeln, und der Verkauf von DVDs mit den schönen alten Aufführungen wird steigen. Ganz ehrlich gesagt: Die 2×230 Franken, die wir in Zürich für eine Gürbaca-Scheusslichkeit aufwerfen sollten, kompensieren wir dann lieber mit der Visionierung einer schönen Ponnelle-, Schenk- oder Zeffirelli-Produktion und einer Flasche Dom Perignon dazu. Ist immer noch um die Hälfte billiger!
Ich wünsche mir unter dem Titel «Retro» die Wiederaufnahme folgender Inszenierungen, die ich selber kenne und bis heute schätze: Schenks «Rosenkavalier», «Meistersinger» und «L’elisir d’amore», Everdings «Zauberflöte» und «Tristan» , Zeffirellis «Carmen», Wieland Wagners «Ring» etc. etc.
Apropos: Auch ein blindes Huhn findet ja manchmal ein Korn. So gibt es alle paar Jahre eine Neu-Inszenierung, die auch «Retro»-würdig ist . Ich nenne Bechtolfs «Falstaff», Homokis (sic!) «Holländer und (ich meine das im Ernst, die Inszenierung ist hochästhetisch) Koskys «Macbeth», alle in Zürich. Ach ja: Und dann sah ich vor Jahren eine «Elektra» von John Dew in meiner Heimatstadt, auch das wäre wieder aufzugreifen.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant