Eigentlich wollte ich mich geistig-gedanklich etwas gemütlich zurücklehnen und mich theologischen Gedanken zum Osterfest widmen, da holt mich die geballte Ladung von Texten und Stellungnahmen zum Fall Jürg Jegge in die Realität zurück. Ich kenne Herrn Jegge nicht. Ich denke aber, dass ich durchaus kompetent und lebens-erfahren bin, zu den Inhalten des Falls Stellung zu beziehen. Die jahrzehntelange Arbeit von Wunibald Müller in Münsterschwarzach bekommt mit ihm nun ausserhalb der Kirche und ausserhalb des Klerus ein prominentes und sich rechtfertigendes Gesicht.
Der Fakt: Nach der Publikation des Buches von Markus Zangger und Hugo Stamm meldet sich in der NZZ vom 15.April ein weiteres Opfer, Andreas Guggenberger, zu Wort. Seine Stellungnahme erfolgte erst, nachdem Herr Jegge seine damaligen Übergriffe (wir bewegen uns hier nicht im Bereich der klassischen Pädophilie, sondern im Bereich der sexuellen Übergriffe an männlichen Jugendlichen in der Pubertät) mit Begriffen wie «Stärkung und Selbstbefreiung der Schüler» rechtfertigte. Wie Zangger ist auch Guggenberger zwischen 50 und 60 Jahren alt, auch hier sind die Vorfälle verjährt.
Der Text: Guggenberger schreibt wörtlich «Ich erlebte Jürg Jegge als einen sehr offenen, sehr persönlichen, selbst denkenden und kreativen Menschen. Er nahm nie frei. Sogar in den Ferien nahm er Schüler mit und arbeitete von frühmorgens bis tief in die Nacht hinein. Er war ein schöpferisch erfüllter, innerlich gestauter und sexuell verklemmter Workaholic. Er war ein getriebener Süchtiger, der sich seine eigene Homosexualität nie richtig zugestehen konnte…»
Conclusio I: Rosa von Praunheims berühmter Satz «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt» bekommt in dieser Beschreibung von Guggenberger ein ganz schlimmes Gesicht. Ich will gar nicht genau darüber sinnieren, wie der Jugendliche Jürg das Thema in seiner Familie, bei seinen Eltern und seinen Lehrern erlebt hat. Ich ahne, dass da ganz früh in der eigenen Pubertät etwas versteckt und tabuisiert wurde, dass sich später – immer wieder unter reichlichem Alkoholkonsum – ein Ventil an völlig falschem Orte suchte.
Conclusio II: Wunibald Müller hat natürlich Recht, wenn er schreibt, dass man in der Therapie homosexuellen Menschen in gesellschaftlichen Autoritätspositionen nur die Augen dafür öffnen muss, dass sie selber nicht mehr 15-17jährig, sondern erwachsen sind, um sie von solchen Phantasien wegzuführen. Aber ist das allen möglich? Oder ist der Grad der Verdrängung derart krankmachend geworden, dass so ein Mensch sich emotional tief im Innersten immer als der 16-17Jährige fühlt, der damals «zu kurz» kam?
Conclusio III: Liebe Lesende, wir sprechen hier nicht von Pädophilie, sondern von Verformungen, die unsere «perverse» Gesellschaft hervorrufen kann. Ich wiederhole mein Bonmot (hier noch nie geschrieben, nur in Diskussionen benutzt): Erst wenn es zur Normalität wird, dass auf einem Oberstufen- oder Gymnasiums-Pausenplatz auch zwei Jungs miteinander rumknutschen (dürfen), dann ist Besserung möglich.
Zum Schluss: Ich bedaure Herrn Jegge und bedaure ihn auch nicht. Ich weiss nicht, wie viel Selbstbewusstsein dieser Getriebene damals besass. Dass er aber als älterer Mann nun das Einstürzen seiner Lebenslüge in aller Öffentlichkeit erleben muss, das ist schlimm. Die gesellschaftliche Situation ist immer noch, im Jahre 2017, pervers!
Fragen Sie mich, warum es nicht allen so gehen muss, warum nicht alle so Opfer-Täter werden (man vergleiche etwa die Vita von Thomas Mann), dann folgt hier ein wohl arroganter Aussprach aus dem Munde des Bloggers: Man(n) muss eben Kantianer sein, um dieser realen Gefahr bestehen zu können. Es gilt das oberste Prinzip: Don’t touch. Und: Freundschaft geht auch mit der zu respektierenden Distanz.
Ein PS: Ich danke Professor Markus Ries für seinen Hinweis, dass der Kommentar zum Foto zu wenig eindeutig ist! Ich hoffe, jetzt ist es klar. Ich habe ganze Generationen von Pfadileitern, Oberstufenschülern und Jugendtreffbesuchern betreut und rufe sie als Zeugen für den letzten Satz an.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant