Eine ganz Schar Kinder ist zum Familiengottesdienst an Palmsonntag gekommen. Sie haben selbst Palmwedel gebunden und tragen sie voll Freude in die Kirche hinein. Eine Frau aus der Gruppe der Kindergottesdienstfeiern versammelt die Kinder vor dem Altar und kommt mit ihnen ins Gespräch, was denn ein König sei und wie er aussehe. Mit vorhandenen Requisiten wird eine Königin inthronisiert. Voll Freude trägt sie die Krone, den Mantel, das Schwert und das Szepter. Dann hören wir gemeinsam das Evangelium. War denn Jesus auch ein König, der mit einer Krone auf dem Thron sass? «Nein», die Kinder schütteln entschieden den Kopf und entkleiden die Königin wieder. Anstelle der Krone wird ein Freundschaftsbändel vor den Altar gelegt, anstelle des Schwertes eine Friedenstaube und das Szepter der Macht wird mit dem Herzen der Liebe ausgetauscht. «Jesus hätt nid uf andere abeglueget, er hätt graduus glueget!» erklärt ein Kind das Prinzip der Augenhöhe, mit der Jesus allen Menschen begegnet ist. Ja, Jesus war ein anderer König!
Nur, wo war oder ist denn Jesu Königreich? Die Schweiz hat keinen König. Jerusalem? Da war doch schon ein anderer König! Im Himmel? Ja, aber nur im Himmel?
Ein Vergleich mit Esperanto mag helfen, das Königreich Jesu zu finden: Esperanto ist eine Kunstsprache. Innerhalb weniger Wochen kann man sie lernen, denn sie besteht aus einer ganz einfache Grammatik ohne jegliche Ausnahmen und Wörtern, die man aus anderen Sprachen kennt und sich deshalb schnell merken kann. Es gibt kein Land, das Esperanto als Amtssprache hat, keine Region, in der die Kinder mit Esperanto als Muttersprache aufwachsen. Und dennoch gibt es das «Esperanto-Land»: Esperanto-Land ist überall dort, wo Menschen miteinander Esperanto reden. Das Wohnzimmer einer befreundeten Familie genauso wie das Tagungshaus im Ausland oder der Berggipfel, den ich mit Esperanto-Freunden erklimme – all diese Orte werden zum Esperanto-Land, wenn wir miteinander in dieser Sprache kommunizieren.
Ist es nicht genau so mit dem Königreich Jesu? Überall dort, wo wir die Schwerter zu Friedenstauben verwandeln, das Brot teilen, Freundschaft pflegen statt Macht ausspielen, überall dort ist Jesus unser König. Möge das Königreich Jesu wachsen und immer grösser werden!
Bettina Flick
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant