Warum tun wir uns dies an? Teil III

Der Abschluss dieser Trilogie jetzt noch in der Karwoche. Nach Ostern ist Zeit für andere, weniger bedrückende Gedanken und Themen. Wir haben erkannt: Aufklärung und Transparenz sind gefragt; eine Kirche auch, bei der das Prinzip der Wahrhaftigkeit weit oben, ja eigentlich ganz oben in der Skala der Werte stehen muss.

Was nicht dient und auch der Wahrhaftigkeit nicht dient, ist, dass wir das Versagen und die Fehler in früheren Jahrzehnten brauchen, um jetzt unsere Kirchen-Suppen und -Süppchen anzurühren und deftig zu würzen. Alles, was hier im Umfeld der Allaz-Pittet-Affäre in solcher Taktik unternommen wurde, ist verwerflich und der Aufklärung nicht dienlich. Aus den uns nun zur Verfügung stehenden Informationen des Kapuzinerordens und der Diözese Lausanne-Genève-Fribourg erkennen wir ja, dass eigentlich alle damaligen Verantwortungsträger mehr oder weniger direkt in die Bewältigung der Affäre im «alten Stil» verwickelt waren. Ich erlaube mir darum – im Wissen, dass das kein Medien-Primeur ist – den Artikel, den ich in unserem (Gaiserwalder) Pfarrblatt für die breite Öffentlichkeit anfangs April publiziert habe, auch hier und abschliessend abzudrucken:

«Die Medien-Aufregung rings um das Buch «Mon père, je vous pardonne» des Missbrauchs-Opfers Daniel Pittet, auch die Irritationen, die eine überraschende quasi Whistleblower-Aktion des bei uns in St.Gallen lebenden Churer Bischofssprechers hervorgerufen hat, zwingen mich förmlich, zu einer ganz unangenehmen Frage seriös Stellung zu beziehen: Wie hat es die Kirche mit der Aufarbeitung von schwerwiegenden eigenen Fehlern? Warum war sie so intransparent?

Fakt 1 (ohne Nennung von Namen, das gebietet mit der Respekt): Vor vielen Jahrzehnten verschwand einmal ein Abtwiler Pfarrer quasi über Nacht aus Pfarrei und Pfarrhaus und setzte seine Tätigkeit später an einem anderen Orte im Bistum weiter. Vor etlichen Jahren erfuhr ich durch Zufall, dass er Ministranten in pädophiler Weise belästigt und damit missbraucht hat. Das alles ist natürlich längst vergangen und verjährt, von den damaligen Opfern leben nicht mehr viele.

Fakt 2: Mitte der 80er Jahre wurde ein Priester aus der Region St.Gallen, nachdem kompromittierende pädophile Fotos bei ihm entdeckt wurden, im Schnelltempo in ein anderes Bistum verschoben. Auch dieser Vorgang ist verjährt, der Priester ist verstorben. Ich bezeuge die Wahrheit dieser Aussage als damaliger Hörer von Aussagen des Bischofs.

Warum haben die Kirchenverantwortlichen so gehandelt? Sie wollten ganz sicher ein bestehendes Unrecht möglichst schnell beenden und die Opfer schützen. Und sie versuchten, durch Zureden und Ermahnungen die Täter davon abzubringen, weiter Übergriffe zu begehen. So versuchten sie auch, die Vorgänge rein intern zu «erledigen», ohne Information der Öffentlichkeit und der Justiz. Dieses Prinzip «Schutz von Opfern und Tätern» muss heute hinterfragt werden.

Schwerer wiegt für mich aber, dass die Täter damals nicht verpflichtet wurden, eine seriöse Therapie aufzunehmen. Pädophilie ist – so die Erkenntnisse der modernen Humanwissenschaften und der Psychiatrie – eine «nicht heilbare» schwere Persönlichkeitsstörung, die untherapiert immer wieder (und kumulierend) zu Übergriffen führen kann. Erst die kombinierte Arbeit der Charité-Klinik in Berlin und des Recollectio-Hauses in Münsterschwarzach haben den Kirchenverantwortlichen hier in den letzten Jahren die Augen genug öffnen können. Es ist nämlich – so die erwähnten Untersuchungen – möglich, dass ein pädophil veranlagter Mensch, der sich rechtzeitig aufgrund vorhandener Phantasien in Behandlung begibt, lernt, diese in Griff zu bekommen und ein (qualvolles) Leben lang enthaltsam leben zu können. So könnten effektiv neue Übergriffe verhindert und Opfer geschützt werden.

Für mich folgern folgende Erkenntnisse:

Die damaligen Kirchenverantwortlichen waren nicht genügend gut informiert, um adäquat handeln zu können. Ihr Bemühen, vor allem den Ruf der Institution schützen zu wollen, muss heute hinterfragt werden.

  1. Es bringt uns nun aber wenig bis nichts, nach Jahrzehnten nun noch Schuldzuweisungen vorzunehmen. Wer weiss denn, ob wir es damals besser gemacht hätten?
  2. Heute ist sofortige Zusammenarbeit mit staatlichen Untersuchungsbehörden, seriöse Information der Öffentlichkeit und die Zuführung der Täter in therapeutische Institutionen Pflicht.
  3. Herr Pittet verdient für sein Buch und seine Bereitschaft zur Verzeihung unser aller Respekt.»

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.blogs-kath.ch/warum-tun-wir-uns-dies-an-teil-iii/